Politik : Russland: In der Dritten Welt die erste Geige spielen

Elke Windisch

Jewgenij Primakow hatte die russische Sinnkrise schon im Frühjahr auf den Punkt gebracht: Moskau, so der Expremier und langjährige Geheimdienstchef, müsse sich endlich entscheiden, ob es das Schlusslicht der "G-siebeneinhalb- Gruppe" bleiben oder die Nummer eins unter den Entwicklungsländern werden wolle. Staatschef Wladimir Putin optiert offenbar für Letzteres. Zeitgleich zum EU-Gipfel in Göteborg, wo US-Präsident George W. Bush die zögernden Europäer auf das von Moskau vehement abgelehnte Raketenabwehrsystem einschwören will, blasen China und Russland in Shanghai zum Gegenangriff.

Formeller Anlass sind gemeinsame Bemühungen, Extremismus und Terrorismus Paroli zu bieten. Mit Unterstützung der Taliban hatten bewaffnete Einheiten der islamischen Opposition Zentralasiens schon in den letzten beiden Jahren in den Staaten der Region für massive Unruhen gesorgt. An den Überfällen waren auch Gotteskrieger aus dem russischen Nordkaukasus und uigurische Separatisten aus Chinas muslimischer Westprovinz Xinjiang beteiligt. Mit den inzwischen supranational organisierten Islamisten, die sich an den Grenzen der ehemaligen Sowjetunion erneut zu einer Invasion rüsten, um die säkularen Regierungen in Zentralasien hinwegzufegen, soll jetzt ein gemeinsames Anti-Terror-Zentrum fertig werden. So steht es in der gestern unterzeichneten Deklaration von Shanghai.

Mit dem Dokument erklärt sich die 1996 als lose Vereinigung gegründete Shanghai-Staatengruppe, die bisher ausschließlich wirtschaftliche Kooperation fördern und den definitiven Verlauf der Staatsgrenzen regeln wollte, zu einer Schanghai-Union mit politischen Zielen. Japanische Zeitungen bezeichneten das neue Bündnis, dem außer Russland und China bisher die Ex-Sowjetrepubliken Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan angehörten, bereits als ein reales Gegengewicht zum weltweit wachsenden Einfluss der USA. Dem Bündnis schloss sich am Donnerstag auch das für Moskau strategisch wichtige Usbekistan, das bisher nur Beobachterstatus hatte, als Vollmitglied an. Russland will außerdem auch noch Indien und eventuell Iran gewinnen.

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