Russland : Krawalle von Fußballfans in Moskau

Bei Ausschreitungen in Moskau wurden nach offiziellen Angaben 31 Menschen verletzt und weitere 66 festgenommen. Es waren die mit Abstand schwersten Krawalle in der jüngeren Geschichte Russlands. Eine Expertin warnt vor einer Verzahnung von Rechtsextremismus und Fußball.

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Moskau - Flaschen und Steine fliegen durch die Luft, Rauchbomben und Feuerwerkskörper werden gezündet. Fußballfans plündern die festlich geschmückte Tanne auf dem Moskauer Manege-Platz – einen Steinwurf vom Kreml entfernt – und dreschen mit Kugeln und Kerzen auf Ordnungskräfte ein. Als Polizeichef Wladimir Kolokolzew zur Räumung des Platzes auffordert, schallt ihm nationalistischer Sprechgesang entgegen. In der Metro, wohin Spezialeinheiten die Randalierer nach etwa vierzig Minuten abdrängen können, geht der Kampf weiter. Fahrgäste, deren Äußeres auf nichtslawische Herkunft schließen lässt, werden mit Messern angegriffen, einige krankenhausreif geschlagen. Die Ausschreitungen am Samstagnachmittag, bei denen nach offiziellen Angaben 31 Menschen verletzt und weitere 66 festgenommen wurden, waren die mit Abstand schwersten in der jüngeren Geschichte Russlands. Negative Schlagzeilen für die Fußballweltmeisterschaft in Russland 2018. Dazu kommt der innerpolitische Flurschaden. Die Straßenkämpfe machten deutlich, wie fragil in Wahrheit die Stabilität ist, die von Kreml und Regierung immer wieder beschworen wird und als Rechtfertigung für die Gängelung von Zivilgesellschaft und Medien herhalten muss.

Der unmittelbare Anlass war relativ gering: Der Tod von Jegor Swiridow, einem Fan des Moskauer Fußballclubs Spartak. Ihn hatten Gastarbeiter aus dem Nordkaukasus am vergangenen Montag beim Streit um ein Taxi mit einer Gaspistole erschossen. Derartige „Unfälle“ passieren hier täglich. Doch in der Causa Swiridow machte die ethnische Herkunft der mutmaßlichen Täter den Schulterschluss zwischen Fans und rechtsradikaler Szene perfekt. Bereits am Folgetag rotteten sich über tausend Fans und Neonazis spontan zusammen und forderten Rache. Ebenso beim Gruppenspiel der Champions League von Spartak gegen MSK Zilina am vergangenen Mittwoch in der Slowakei: Bereits in der zweiten Spielminute warfen „gewöhnliche“ Fanaty (Fußball-Begeisterte) und Nationalisten Feuerwerkskörper auf den Rasen. Der Schiedsrichter konnte das Spiel erst 22 Minuten später wieder anpfeifen. So lange brauchte Spartak, um die eigene Fankurve in den Griff zu bekommen.

Galina Koschewnikowa, die Chefin von „Sowa“, einer Menschenrechtsgruppe, die auf Monitoring rechtsradikaler Organisationen spezialisiert ist, warnte bereits vor Monaten vor einer Verzahnung von Rechtsextremismus und Fußball: Dieser sei für Menschen, die sich seit dem Zerfall der Sowjetunion als Verlierer sehen, die ideale Bühne, um Frust abzulassen.

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