Russland : Mission Sowjetkommunismus gescheitert

Vor 20 Jahren trafen sich die Sowjetkommunisten zu ihrem letzten Parteitag. Er endete in der Paralyse.

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Die Temperatur ist rekordverdächtig: 31,9 Grad Celsius zeigt das Thermometer in Moskau am 2. Juli 1990. Doch der Himmel ist bedeckt, es braut sich ein Gewitter zusammen. „Auch die Zukunft hing wie eine schwarze Gewitterwolke über uns, wir wussten nur nicht, wann und wie sie sich entladen wird“, erinnert sich Gennadi Selesnjow. Später Parlamentspräsident und heute Aufsichtsratsvorsitzender einer Bank, gehörte der damals 43-Jährige zu den 4683 Delegierten des 28. Parteitags der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), der an jenem Tag im Kreml zusammentrat. In „schmuckloser Arbeitsatmosphäre“ wie das „Neue Deutschland“ schrieb.

Noch wissen die Genossen nicht, dass es der letzte Parteitag ist, aber viele haben ungute Ahnungen. Perestroika und Glasnost, wie Michail Gorbatschow sie der Sowjetunion 1985 gleich nach seiner Wahl zum KP-Chef verordnete, haben den Medien zwar den Maulkorb abgenommen. Vor den Zeitungskiosken stehen daher schon früh um sechs lange Schlangen. Noch länger sind sie vor den Brotläden. Der Verfall der Weltmarktpreise für Erdöl aber hatte die Sowjetunion in eine Wirtschaftskrise gestürzt. 17 Monate später verabschieden sich Kommunismus und Kommandowirtschaft auf die Müllkippe der Geschichte. Moskaus Vasallen in Osteuropa gehen seit dem Fall der Berliner Mauer eigene Wege, mehrere Sowjetrepubliken haben sich ebenfalls für unabhängig erklärt.

Er, so Selesnjow, habe dennoch lange an Gorbatschow geglaubt und „an die neuen Ideen, für die er antrat“. Ein Systemwechsel habe damals jedoch nicht zur Debatte gestanden. Nur radikale Reformen. Den Betonköpfen um Jegor Ligatschow ging selbst das zu weit. Stunden dauert das verbale Duell, dass er sich mit Gorbatschow auf dem Parteitag liefert. Erstmals in der Geschichte der KPdSU, so Selesnjow, hätten deren Führer ihre Differenzen in aller Öffentlichkeit ausgetragen. Zwar setzt sich Gorbi noch mal durch, muss jedoch im Dezember 1991 Atomkoffer und Kremlschlüssel dem eigentlichen Sieger übergeben: Boris Jelzin, der, weil ihm die Reformen nicht weit genug gingen, auf dem Schicksalsparteitag sein Mitgliedsbuch hinwirft.

Gorbatschow, sagt Selesnjow, wäre in erster Linie nicht an der aus Sicht der Massen verheerenden Bilanz der Perestroika gescheitert, sondern am passiven Widerstand seiner Umgebung. „Umbau bedeutet immer auch Teilabriss und das wollten viele nicht. Weil sie sich komfortabel eingerichtet hatten und den Verlust von Amt und Pfründen fürchteten. „Es gab daher eine mächtige Fraktion, die seine Wiederwahl verhindern wollte“.

Von „Sabotage“ würde er jedoch nicht reden wollen. Eher von Unverständnis. Viele hätten weder das Ausmaß der Krise – „das Wort war verpönt“ – begriffen, noch dass ihr mit herkömmlichen Mitteln nicht beizukommen ist. „Einziger Ausweg wäre eine Umverteilung der Ressourcen gewesen, mit denen vor allem die Landesverteidigung alimentiert wurde. Das hätte aber eine andere Außen- und Sicherheitspolitik erfordert. Über Absichtserklärungen ist die Partei damals jedoch nicht hinausgekommen.

In der Tat: Meinungsfreiheit hatte dafür gesorgt, dass sich auch in der KP unterschiedliche Fraktionen gebildet hatten. Der Parteitag, so Selesnjow, raffte sich daher nur zu unverbindlichen Beschlüssen auf und wählte ein Zentralkomitee, das von Flügelkämpfen paralysiert wurde. Die Geister hätten sich an dem von Gorbatschow vorgeschlagenen Umbau der Sowjetunion zu einer Staatenkonföderation, der Streichung von Artikel sechs der sowjetischen Verfassung, der die führende Rolle der KPdSU festschreibt, und an der Außenpolitik geschieden. Reizthema sei vor allem die deutsche Einheit gewesen. Die Hardliner, sagt Selesnjow, hätten Gorbatschow „kampflosen Rückzug“ vorgeworfen und wollten der Wiedervereinigung nur zustimmen, „wenn dabei das politische Modell der DDR für das vereinte Deutschland gilt“.

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