Politik : Russland: Mörder von Anna Politkowskaja identifiziert

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Fahndung eingeleitet / Experten bezweifeln echte Fortschritte bei den Ermittlungen

Elke Windisch[Moskau]

Nach Angaben der russischen Staatsanwaltschaft sind deren Ermittler der Lösung des Rätsels um den Mord an Anna Politkowskaja wieder einmal sehr nahe. Die Journalistin war am 7. Oktober 2006 beim Betreten ihres Hauses in Moskau erschossen worden. Bekannt geworden war Politkowskaja vor allem durch ihre Tschetschenien-Berichterstattung. Regimekritiker im In- und Ausland vermuten hinter dem Mord daher politische Motive, westliche Regierungschefs sprachen den Fall Präsident Wladimir Putin gegenüber in der Vergangenheit immer wieder an und drangen auf eine rasche und umfassende Aufklärung.

Großen Wirbel verursachte deshalb am Freitagmittag ein Satz, den ein Vertreter der russischen Generalstaatsanwaltschaft eher beiläufig auf einer Pressekonferenz fallen gelassen hatte: Seine Behörde, so Wjatscheslaw Smirnow, wisse, wer den Mord an Politkowskaja begangen hat und unternehme alle Anstrengungen, ihn zu suchen und zu fassen.

Ermittler Smirnow sprach dabei von insgesamt zehn dringend tatverdächtigen Handlangern und Organisatoren des Verbrechens. Das stimmt misstrauisch: Denn genau zehn Tatverdächtige hatte die Staatsanwaltschaft schon zwischen dem 15. und 23. August letzten Jahres verhaftet. In der Mordsache Politkowskaja, so damals Russlands Oberster Staatsanwalt Jurij Tschaika, der fünf Tage später bei Putin einen Vortrag über den Stand der Ermittlungen zu den spektakulärsten Mordfällen der letzten Zeit hielt, gebe es „signifikante Fortschritte“.

Die Freude darüber währte indes nicht lange. Schon nach drei Tagen kamen Tschaika und den Seinen die ersten der vermeintlichen Täter abhanden. Einer davon hatte ein todsicheres Alibi: Er war bereits wegen einer anderen Straftat rechtskräftig verurteilt worden und saß, als die Schüsse auf Politkowskaja fielen, hinter Schloss und Riegel. Gegenwärtig sitzen als Tatverdächtige noch drei Männer in Untersuchungshaft. Der Prominenteste unter ihnen ist Pawel Ragusow, ein ehemaliger Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes FSB im Rang eines Oberstleutnants. Er soll den Mördern den Wohnort von Anna Politkowskaja bekannt gegeben haben. Eben dieser Ragusow hätte schon in der kommenden Woche auf freien Fuß gesetzt werden müssen. Doch ein Moskauer Gericht verlängerte am Freitag bei einem Haftprüfungstermin dessen Untersuchungshaft bis zum 21. August. Um dies sicherzustellen, so sind sich russische Experten sicher, habe die Staatsanwaltschaft erklärt, dass es neue Tatverdächtige gebe.

Der Name des unmittelbaren Mörders wurde dabei im Interesse weiterer Ermittlungen nicht genannt. Das ist nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar ist indes, warum Generalstaatsanwalt Tschaika, der ebenfalls am Freitag eine Pressekonferenz gab, dabei den Fall Politkowskaja mit keiner Silbe erwähnte. Denn Tschaika hatte Journalisten eigens zusammentrommeln lassen, um über Erfolge seiner Behörde bei der Senkung der Kriminalitätsrate und über einen deutlich verbesserten Anteil aufgeklärter Straftaten – fast 50 Prozent – zu referieren. Stünde man im Fall Politkowskaja tatsächlich vor dem Durchbruch, Russlands oberster Ankläger hätte sich wohl kaum die Chance entgehen lassen, daraus Kapital zu schlagen.

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