Russland : Nato umwirbt den Kreml

Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen bittet in Moskau um Hilfe für Afghanistan.

Elke Windisch[Moskau]

Es wird häufig gelächelt, auf beiden Seiten. In diesem Punkt erinnert die erste Russlandvisite des neuen Nato-Generalsekretärs Anders Fogh Rasmussen an den Antrittsbesuch von Barack Obama, der im Juli mit Amtskollege Dmitri Medwedew den Neustart der bilateralen Beziehungen vereinbarte. Am Mittwoch, als er Rasmussen im Kreml empfängt, sagt Medwedew, Russland und Nato seien Partner, nicht Rivalen. Dabei hatte die Allianz nach Moskaus Krieg mit Georgien im August 2008 die Zusammenarbeit mit Russland ausgesetzt. Die erste Tagung des Russland- Nato-Rates auf Außenministerebene fand erst vor knapp zwei Wochen statt. Schon in Brüssel hatten beide Seiten Bereitschaft signalisiert, ohne Wenn und Aber zur Tagesordnung zurückzukehren.

Das hat zum einen damit zu tun, dass Rasmussen ehemaliger Regierungschef ist. Mit dieser Klasse kommt das streng hierarchisch denkende Russland entschieden besser klar als mit Beamten, deren wirkliche Kompetenzen sich dem Kreml häufig nicht so recht erschließen. Dass Dänemark ausgerechnet in Rasmussens Regierungszeit die Auslieferung von Ahmed Zakajew, dem Emissär der tschetschenischen Separatisten verweigerte, verdrängt Moskau dabei bewusst. Der Neue in Brüssel, lobt Russlands Nato-Botschafter Dmitri Rogosin in der Online-Zeitung „Gaseta.ru“, sei offenbar entschlossen, das „Ungeziefer der Russophobie“ kurz zu halten. Gemeint waren die osteuropäischen Nato-Neumitglieder und deren Ängste vor dem ehemaligen großen Bruder.

Vor allem aber lässt Afghanistan Nato und Moskau enger zusammenrücken und nach Kompromissen suchen. Beiden Seiten geht es geht es nicht in erster Linie um die Perspektiven des seit mehr als 30 Jahren von Krieg und Wirren geschüttelten Staates, wohl auch nicht um Demokratie. Ziel der Allianz ist vielmehr jenes Mindestmaß Stabilität, das die Ausbreitung von Extremismus, Terrorismus und Drogenschmuggel verhindert. Durchlässige Grenzen der zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken zu Afghanistan im Süden und zu Russland im Norden machen auch Moskau verwundbar.

Die Situation am Hindukusch ist sowohl bei Rasmussens Begegnung mit Medwedew, als auch bei dessen Konsultationen mit Premier Wladimir Putin, Außenminister Sergej Lawrow und anderen Politikern das zentrale Thema. Diskutiert werden sowohl der mögliche Transport militärischer Güter über Russland, als auch russische Waffenlieferungen für die afghanische Armee, die bis kommenden Oktober 134 000 Soldaten unter Waffen haben und einen allmählichen geordneten Rückzug der Nato ermöglichen soll. Rasmussen soll auch eine direkte militärische Beteiligung Russlands an der Anti-Terror- Operation angesprochen haben. Das indes hatten Medwedew und Putin zuvor mehrfach entschieden abgelehnt.

Rasmussen sagt, er könne sich eine „wahrhaft strategische“ Partnerschaft mit Russland vorstellen. Afghanistan sei dafür die „Nagelprobe“. Die halbamtliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti kommentiert das zurückhaltend: Russland werde sich nur dann stärker in Afghanistan engagieren, wenn die Nato Moskaus Einflussmonopol im postsowjetischen Raum respektiere.

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