Russland : Putins Demokratur

15 Jahre nach dem Moskauer Putsch: Boris Reitschusters politischer Reiseführer

Elke Windisch

Im August 1991 zettelte eine Gruppe von Altstalinisten einen Putsch an, um Gorbatschows Perestroika rückgängig zu machen. Er scheiterte am Widerstand der Massen, den westliche Politiker zur Revolution hochjubelten. Höchst voreilig. Anders als in den Reformstaaten Mittel- und Osteuropas langte der Systemwechsel in Russland bisher nur zu einem Zwitter aus Demokratie und Diktatur. Zu einer Demokratur. Putins Demokratur heißt daher das neue Russlandbuch, das in Deutschland pünktlich zum 15. Jahrestag des Endes der Verschwörung auf den Markt kommt.

Der Autor, Boris Reitschuster, seit 1999 für das Nachrichtenmagazin Focus als Korrespondent in Moskau tätig, spricht von einer „verratenen Revolution“ und versucht auf rund 300 Seiten zu erklären, warum Marktwirtschaft und Demokratie in Russland zu deren Karikaturen verkamen: zu Raubritterkapitalismus und Dermokratie.

Dermo bedeutet eigentlich Exkremente oder Auswurf, wird in Russland jedoch auch für die Eliten der Jelzin-Ära verwendet. Deren verkorkste Privatisierung, Chaos und der Abstieg der einstigen Supermacht zu einem mäßig entwickelten Rohstofflieferanten des Westens hat in den Augen fortschrittlicher Intellektueller das Phänomen Putin überhaupt erst möglich gemacht

Vor allem ihrer Sicht folgt Reitschuster bei der Beschreibung einer Diktatur mit scheindemokratischer Fassade. Dabei gelingen ihm zuweilen geradezu atemberaubende Einblicke in das Räderwerk einer „gelenkten Demokratie“, wie Putin sie Russland gleich nach der Machtübernahme 2000 verordnete: Rundumschlag gegen kritische Medien, die politische Opposition und Nichtregierungsorganisationen, die mit scheinbar legalen Mitteln und fadenscheinigen Vorwänden zur Strecke gebracht werden. Reitschuster, der mit kurzen Unterbrechungen seit 1990 in Russland tätig ist, präsentiert dazu eindrucksvolle Fallstudien. Sehr engagiert, weil selbst betroffen, setzt er sich auch mit der hässlichen Kehrseite der vergeigten Revolution auseinander: Lethargie und dumpfer Hass gegen Fremde und Andersgläubige, der sich zunehmend mit Gewalt Bahn bricht.

Detailreich und mit wasserdichten Zitaten, die jede seiner zuweilen extravaganten Thesen unterstützen, zeigt Reitschuster dabei nicht nur die Risiken, die Russland aus diesem System erwachsen, sondern auch die Gefahren für Westeuropa, einschließlich konkreter Folgen für Otto Normalverbraucher.

Hilfreich ist, dass Reitschuster sich dabei auf Ereignisse bezieht, die nur wenige Monate zurückliegen und der Öffentlichkeit daher noch frisch im Gedächtnis sind. Doch diese Art Schnellschüsse hat ihre Tücken, und die hat Reitschuster offenbar unterschätzt: Aus aneinandergereihten journalistischen Texten – so brillant einige davon auch sein mögen – wird ebenso wenig ein Buch wie aus zusammengeschnittenen Magazinbeiträgen ein Dokumentarfilm. Da helfen auch die schönsten Zwischenüberschriften nicht.

Wer sein Leserpublikum über längere Zeit bei der Stange halten will, braucht eine Dramaturgie, einen roten Faden, klare Strukturen und einen Lektor, der mehr kann, als Kommafehler verbessern. Das gilt vor allem für Autoren, die, wie Reitschuster, über ein profundes Hintergrundwissen verfügen und sich dadurch leicht auf Nebenkriegsschauplätze locken lassen. Dadurch wird die Erzählung zwar plastischer, sie funktioniert jedoch nur, wenn die Handlungsstränge am Ende der jeweiligen Kapitel wieder gebündelt werden. Reitschuster gelingt das nur selten, häufig endet er daher dort, wo es wirklich spannend wird und man eigentlich weiterlesen möchte.

Beispiel: Nordkaukasus oder Russlands Flirt mit China. Mit beiden ist Reitschuster erstaunlich schnell fertig. Weniger – sprich ausgewähltere Aspekte – wäre in diesem Fall mehr gewesen. Doch Reitschuster wollte offenbar eine Art 360-Grad-Foto Russlands im Jahre sechs der Putin-Ära abliefern. Heraus kam dabei ein politischer Reiseführer, in den man an einer beliebigen Stelle einsteigen kann. Im Zeitalter der nur begrenzt verfügbaren Aufmerksamkeit hat auch das durchaus seine Vorteile.

Boris Reitschuster: Putins Demokratur.Econ Verlag, Berlin 2006. 336 Seiten, 19,95 Euro. (Erscheint am 23. August.)

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