Russland : Ratlose Experten

Selbst russische Kremlologen tun sich schwer: Warum wollte Putin einen neuen Premier?

Elke Windisch

Moskau - Viktor Subkow, Putins Überraschungskandidat für das Amt des Premiers, und die Entlassung seines Vorgängers Michail Fradkow füllten am Donnerstag Russlands überregionale Zeitungen. Das meiste indes war Nacherzählung des chronologischen Ablaufs, Zitate der Akteure und Situationsschilderungen. Kommentare, Analysen oder Prognosen suchte der Leser vergebens.

Der Mittwoch, klagte sogar die kremlnahe und daher gewöhnlich gut unterrichtete „Iswestija“, sei nicht nur für „Russlandkenner“ im Westen, sondern auch für hiesige Experten ein „schwarzer Tag“ gewesen. In der Tat: Sogar die „Iswestija“-Redakteure setzen diesmal auf das falsche Pferd. Noch kurz bevor die Ticker der Nachrichtenagenturen den Namen Subkow ausspuckten, wurde in der Online-Version des Blattes Vizepremier Sergej Iwanow als neuer Regierungschef und damit als aussichtsreichster Kandidat bei den Präsidentenwahlen im März 2008 gehandelt. Deren Ausgang, schreibt die Wirtschaftszeitung „Kommersant“ sei nach der Ernennung von Viktor Subkow wieder völlig offen. Er sei womöglich nicht der Nachfolger, sondern eine Übergangslösung, die Putin „die Hände frei hält“, sich erst kurz vor den Wahlen für einen Erben zu entscheiden. Sogar eine Stichwahl sei nicht auszuschließen.

Die neue Regierung soll schon zu Beginn nächster Woche stehen. „Einigermaßen sicher“ sei nur, dass die letzten Liberalen gehen müssten: Finanzminister Alexej Kudrin, und German Gref, der Kollege vom Wirtschaftsressort.

Auch Politologen und die Opposition hatten zwar mit einer Wachablösung gerechnet, nicht jedoch mit der Personalie Subkow. So jedenfalls das Fazit einer Talkshow mit viel Prominenz, die bei Radio Echo Moskwy erst weit nach Mitternacht zu Ende ging. Der Machtkampf in der Umgebung des Kremlchefs habe derartige Ausmaße angenommen, dass Putin sich genötigt sah, seine Paladine zu disziplinieren, meinte der Linksnationale Dmitrij Rogosin. Subkow halte gleichen Abstand zur Falkenfraktion um Sergej Iwanow und zu den gemäßigt Liberalen um Vizepremier Dmitrij Medwedjew. Die Nachfolgeregelung sei nach wie vor offen. Iwanow, Medwedjew, aber auch die Granden der zweiten Reihe könnten weiter hoffen.

Subkow, so Gleb Pawlowski, Chef der kremlnahen Stiftung für effektive Politik, sei vor allem Garant für eine homogene, von internen Konflikten freie Regierung, wie Putin sie dem Nachfolger schon deshalb übergeben müsse, weil dieser schwächer als er selbst und nur Platzhalter bis zu seiner eigenen Rückkehr sein werde. Elke Windisch

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