Russland und seine Oppositionellen : Ehrung für einen Unerschrockenen

Der russische Oppositionelle Ildar Dadin wurde mit Ein-Mann-Mahnwachen bekannt - und kam dafür in Lagerhaft. Am Montag wird er mit dem Boris-Nemzow-Preis geehrt. Ein Porträt

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Ildar Dadin wurde wegen der Teilnahme an Demonstrationen zu drei Jahren Lagerhaft verurteilt, kam aber vorzeitig frei.
Ildar Dadin wurde wegen der Teilnahme an Demonstrationen zu drei Jahren Lagerhaft verurteilt, kam aber vorzeitig frei.Foto: AFP

Oft stand Ildar Dadin einfach nur allein auf der Straße, mit einem Plakat in der Hand. „Putin – der Untergang Russlands“, stand auf einem. Ein anderes Mal forderte der russische Oppositionelle sein Land auf, sich in der Ukraine nicht einzumischen: „Nein zum Krieg“, hatte er auf sein Schild geschrieben. Und schließlich kritisierte er diejenigen, die sich nicht für inhaftierte Oppositionelle einsetzten: „Schweig – wenn sie morgen hinter dir her sind, wird der nächste schweigen.“

Doch als es am Ende Ildar Dadin selbst traf, kam es anders, und es gab es lautstarke Kritik. Denn an seinem Beispiel wurde in Russland offenbar ein Exempel statuiert. Im Dezember 2015 verurteilte ihn ein Moskauer Gericht wegen wiederholter „Störungen der öffentlichen Ordnung“ zu drei Jahren Straflager. Es war das erste Urteil nach der Verschärfung des Versammlungsrechts in Russland. Bis dahin mussten Teilnehmer einer nicht genehmigten Kundgebung höchstens mit 15 Tagen Administrativhaft rechnen. Seit der Gesetzesverschärfung kann nach mehreren Verstößen gegen das Versammlungsrecht eine lange Haftstrafe verhängt werden. Tatsächlich hatte Dadin an unerlaubten friedlichen Demonstrationen teilgenommen. Bekannt war er aber für seine Ein-Mann-Mahnwachen, die nach russischem Recht nicht verboten sind.

Man folterte ihn und drohte, ihn umzubringen

In der Haft wurde Dadin nach eigenen Angaben schwer misshandelt, nachdem er in einen Hungerstreik getreten war. Zehn bis zwölf Männer vom Sicherheitspersonal des Straflagers schlugen ihn und traten auf ihn ein, das sei vier Mal an einem Tag passiert. Sie hätten ihn mit dem Kopf in die Toilette gesteckt und ihn außerdem mit auf dem Rücken gefesselten Händen an der Decke aufgehängt, schrieb er in einem Brief aus dem Gefängnis. Der Direktor der Strafkolonie habe ihn gewarnt, falls er sich zu beschweren versuche, würde er getötet und seine Leiche verscharrt.

Im Februar 2017 hob Russlands oberstes Gericht das Urteil auf. Trotz allem hat der 35-Jährige nicht aufgehört, öffentlich für seine Überzeugungen einzutreten. Nur zwei Wochen nach seiner Freilassung stand er wieder mit einem Schild auf der Straße und wurde vorübergehend festgenommen.

An diesem Montag wird Ildar Dadin in Bonn mit dem Boris-Nemzow-Preis ausgezeichnet. Der Preis erinnert an den früheren russischen Oppositionsführer, der 2015 auf einer Brücke in Sichtweite des Kremls erschossen wurde.

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