Politik : Russland verurteilt Angriffe im Irak: Propaganda und andere Angriffe (Kommentar)

Christoph von Marschall

Es ist bedrückend: An Kriegsmeldungen kann man sich offenbar gewöhnen. Die jüngsten Luftangriffe auf Irak wurden, wenn überhaupt, unter ferner liefen vermeldet - obwohl es, nach Bagdads Angaben, zwei Tote und 20 Verletzte gegeben haben soll. Ein Beleg für westlichen Zynismus, ein Zeichen der Herzlosigkeit? Nein, eines der Ratlosigkeit. Der Ratlosigkeit, erstens, über die verfahrene Lage: Die Sanktionen erfüllen ihr Ziel nicht, Saddam Hussein zur Kooperation bei der Rüstungskontrolle zu zwingen; sie treffen aber die Zivilbevölkerung. Zweitens der Ratlosigkeit über den wahren Zynismus in diesem Konflikt: den in Bagdad.

Das erste Opfer jeden Krieges ist die Wahrheit. Wem also glauben? Bagdad behauptet, zivile Ziele seien getroffen worden, ein Nahrungsmittellager und ein Bahnhof, die Opfer seien Zivilisten. Amerikaner und Briten sagen, sie überwachten weiter die Flugverbotzonen im Norden und im Süden Iraks; ihre Piloten griffen nur Flugabwehrstellungen an und auch nur, wenn diese feuerten oder deren Zielradar die westlichen Jets erfasse. Die Meldung über zivile Opfer und zerstörte Wohn- oder Krankenhäuser komme aus Bagdad nach jedem dieser Zwischenfälle. Zuletzt geschah das im April.

Man muss den Nato-Partnern nicht jedes Wort glauben, das hat Kosovo gezeigt. Aber glaubwürdiger als Saddam Husseins Propaganda sind sie allemal. Auch die Plausibilität spricht gegen Bagdads Version. Der Westen sucht seit langem nach einem Ausweg aus der Blockade. Als Gegenleistung für eine Lockerung der Sanktionen möchte er den Wiedereinstieg in die Bodenkontrolle erreichen, damit Saddam Hussein nicht unbemerkt aufrüsten kann. Doch Irak will das Embargo ohne Gegenleistung kippen.

Vom zehnten Jahrestag des Kuwait-Krieges Anfang August hatte sich Bagdad mehr Wirkung versprochen. Im Westen wurde zwar eine Diskussion über die gescheiterten Sanktionen geführt: Die Schuld für das Leid der irakischen Zivilbevölkerung wurde vor allem im Westen gesucht und weniger bei Saddam, der sich weigert, das "oil for food"-Programm zu nutzen, das die Lieferung von Arznei- und Lebensmitteln erlaubt. Aber diese Debatte war nach wenigen Tagen beendet.

Das führte, wie es aussieht, zu Zynismus in der Eskalationsstufe zwei: Da Saddam weiß, wie amerikanische und britische Piloten auf die Erfassung durch irakischen Zielradar reagieren, kann er Luftangriffe nach Bedarf provozieren - und anschließend Meldungen über zivile Opfer verbreiten.

Gut also, dass diese Meldung kaum Resonanz fand? Nein. Es ist zwar wichtig, diese Mechanismen zu durchschauen. Aber es ändert nichts daran, dass das irakische Volk leidet - und dass die Sanktionen dazu beitragen, ohne die gewünschte Wirkung zu erzielen. Der Westen muss einen Ausweg finden. Trotz Saddams zynischer Propaganda.

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