Russland während der Ukraine-Krise : Wladimir Putin und die Wahrheit

Wladimir Putin kennt keine Scheu mehr, sich zu inszenieren, seine Ideen durchzusetzen, seine Lügen fortzusetzen. Verwundbar ist er dennoch. Ein Kommentar

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In Russland ein König: Putin leitet eine Sitzung des russischen Sicherheitsrates im Kreml.
In Russland ein König: Putin leitet eine Sitzung des russischen Sicherheitsrates im Kreml.Foto: Ria Novosti/Reuters

Wie sagte Wladimir Putin auf einer Pressekonferenz im März vor einem Jahr? Eine Annexion der Krim wird „nicht erwogen“. Und kurz darauf heißt er die Krim willkommen. Weil Russland zur Annexion gezwungen gewesen sei. Gefragt, wer die „grünen Männchen“ auf der Krim waren, sagte Putin im März: Russische Uniformen ohne Hoheitsabzeichen seien überall zu kaufen, „in jedem Dorfladen“. Moskau habe damit nichts zu tun. Einen Monat später sagte er im Fernsehen, in der Fragestunde, dass selbstverständlich die russischen Soldaten hinter den Selbstverteidigungskräften gestanden hätten. Putin begründete das auch mit Unterstützung für das Referendum.

Postsowjetisch und paläokonservativ

Und jetzt? Jetzt gibt er es zu. Bereits in der Nacht zum 23. Februar 2014 will er entschieden haben, die Krim „zurück nach Russland“ zu holen. Putin im Staatssender Rossija 1: „Wir waren gezwungen, die Arbeit an der Rückholung der Krim zu Russland zu beginnen, weil wir dieses Gebiet und seine Einwohner nicht ihrem Schicksal, von Nationalisten erdrückt zu werden, überlassen konnten.“ Er gibt sich keine Mühe mehr, über seine Halb- und Unwahrheiten hinwegzutäuschen. Gar keine mehr.

Nicht dass Kritik ihn in den vergangenen Monaten angefochten hätte. Jetzt aber wirkt es, wirkt er wie der Tyrann, von dem einige im Westen schon länger sagen, dass er der sei: ein Kremlherrscher, postsowjetisch, aber mit sowjetischer Erfahrung, Geheimdiensterfahrung zumal, und inzwischen paläokonservativ, nicht einmal mehr ansatzweise demokratisch. Lupenrein war Putin das sowieso nie. Selbst wenn Russland unter seiner Führung anfänglich so demokratisch erschien wie noch nie. Weil es ja auch noch nie zuvor demokratisch war. Nun aber reagiert der Kremlherr wie weiland, als Staatschef mit unbeschränkten Vollmachten, mit Politbüro oder auch Zentralkomitee, das nur umbenannt ist in „Regierung“.

Unter Putin wird das Geld knapp

Und sie nennen es Demokratie: Es gehört zu dieser Groteske, filmreif, dass einer wie der Schauspieler Gerard Depardieu sich aufgerufen fühlt, für seinen Freund Putin zu werben. Depardieu, unpolitischer Obelix, meint, das Parlament sei für Putin wichtig als „Regulator“. Das Wort passt: „Regulator“. Schon weil es klingt wie Terminator. Was beides auf Putin zutrifft. Er kennt keine Scheu mehr, sich zu inszenieren, seine Ideen durchzusetzen, seine Lügen fortzusetzen, wie seinen Kurs Richtung Großrussland. Den er inzwischen vermutlich zwingend fortsetzen muss.

Denn der BND, der bekanntlich sehr gut informiert ist, behauptete unlängst in einer seiner Expertisen wohl, dass eine Clique Putin umgebe, die ihn unterstütze – aber auch jederzeit durch einen anderen ersetzen könnte. Das wiederum klingt nach Claque. Also nach denen, die bei öffentlichen Aufführungen bezahlten Applaus liefern und andere zum Applaudieren bewegen sollen.

Darin liegt die Verwundbarkeit Putins, der sich doch nur unverwundbar wähnt. Er ist es aber nicht persönlich. Je mehr die Sanktionen wirken, desto weniger Claqueure werden es – weil unter Putin das Geld knapp wird. Außer für ihn. Aber wer das behauptet, wird er dem die Wahrheit sagen?

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