Politik : Russlands Ex-Premier billigt in Berlin das Vorgehen im Kaukasus

Doris Heimann

Sein Gesicht erinnert an Leonid Breschnew in guten Jahren. Der russische Politiker spricht langsam, fast schleppend. Doch die Worte von Ex-Premier Jewgenij Primakow sind hart: "Die Terroristen in Tschetschenien müssen liquidiert werden. Die Schärfe des russischen Vorgehens ist vollends gerechtfertigt. Darüber herrscht bei uns Konsens."

In Russland gilt Primakow, Spitzenkandidat des Wahlbündnisses "Vaterland - Ganz Russland", als ärgster Rivale des amtierenden Premiers Wladimir Putin. Beide möchten Jelzin im Amt des Präsidenten beerben. Aber bei seinem Besuch in Berlin, nach Gesprächen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer, stellte sich der Ex-Premier voll hinter die Regierung seines Landes. Der Einsatz in Tschetschenien sei eine Reaktion auf die Anschläge auf Moskauer Wohnhäuser und den Überfall der Rebellen auf Dagestan. "Mit einem solchen Ausmaß an Terrorismus ist der Westen noch nicht konfrontiert worden."

Primakow betonte, er habe in Gesprächen mit den deutschen Politikern "Aufmerksamkeit und eine gewisse Sorge" über die Lage in Tschetschenien vernommen, aber keine Lösungsvorschläge. Sein politisches Bündnis "Vaterland - Ganz Russland" befürworte zwar die Militärschläge im Kaukasus, sei aber gegen eine großangelegte Aktion mit Bodentruppen wegen möglicher hoher Verluste. "Ich sehe mich außerstande, im Ausland meinen Präsidenten zu kritisieren", gab sich der ehemalige russische Außenminister loyal. Und ließ prompt folgen, die Akteure in Jelzins Administration seien "gewiß keine Vegetarier", weshalb er auch vor wenigen Tagen auf ein Treffen mit Jelzin verzichtet habe.

Der 69jährige Primakow war bis vor kurzem der Star politischer Meinungsumfragen in Russland. Eine Mehrheit wollte ihn als Nachfolger von Präsident Boris Jelzin sehen. Moskaus populärer Bürgermeister Jurij Luschkow holte den Ex-Premier für die Duma-Wahlen ins Boot seiner linkszentristischen Partei "Vaterland - Ganz Russland". Seit Beginn des Tschetschenien-Konfliktes hat allerdings der amtierende Premier Putin an Popularität zugelegt und Primakow überholt. Putin gilt als Wunschkandidat des Jelzin-Clans für die Präsidentschaft. Während sein weiteres politisches Schicksal vor allem vom Kriegsglück in Tschetschenien abhängen wird, kann Primakow auf ein solideres Fundament bauen. Obwohl er das Land während der schwersten Wirtschaftskrise regierte und keine Lösungskonzepte entwickelte, genießt Primakow in der russischen Bevölkerung hohes Ansehen. Entsprechend zuversichtlich gab er sich bei seinem Besuch in Berlin: Seine Partei werde bei den Dumawahlen 25 Prozent der Stimmen holen. Für Primakow könnte das ein erster Schritt auf dem Weg in den Kreml sein.

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