Politik : Russlands Justiz: Terror im Nordkaukasus wächst rapide

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Es war ein Totalverriss der Nordkaukasuspolitik von Kreml und Regierung, den Vizegeneralstaatsanwalt Iwan Sydoruk bei seinem Bericht vor dem Ausschuss für Recht und Justiz des Senats in Moskau lieferte. Terroristen hätten in der Region seit Jahresbeginn vier Mal mehr Straftaten begangen als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Über 200 Polizisten und Soldaten seien dabei getötet und 500 verletzt worden. Rasant zugenommen habe auch die Zahl der Selbstmordanschläge.

Um eine Identifizierung der Täter unmöglich zu machen, würden die Terroristen den Attentätern Granaten in den Kragen nähen, die ihre Köpfe bei der Explosion bis zur Unkenntlichkeit entstellen. Mit solchen Horrormeldungen machen vor allem das ethnisch bunt gemischte Dagestan und die Teilrepublik Inguschetien Schlagzeilen, wo islamische Extremisten nach dem Exodus aus dem benachbarten Tschetschenien ihr neues Basislager aufgeschlagen haben. Sydoruk bezeichnete die Situation in der Teilrepublik Kabardino-Balkarien im bisher relativ ruhigen Nordwestkaukasus als ähnlich „besorgniserregend“. Aus seiner Sicht ist auch Tschetschenien, wo Moskaus Statthalter Ramsan Kadyrow mit eiserner Faust versucht, für Sicherheit und Stabilität zu sorgen, alles andere als befriedet. Bei über 70 Prozent aller in Russland begangenen Terroranschläge führt die Spur aus seiner Sicht nach Tschetschenien.

Nach Erkenntnissen der Generalstaatsanwaltschaft versorgen sich die Terroristen mit Waffen und Sprengstoff zum Gutteil bei der Polizei und den Streitkräften. Auch die tödlichen Schüsse auf den Innenminister Dagestans, so Sydoruk, seien vor drei Jahren aus einer Pistole abgefeuert worden, die die Täter aus dem Waffendepot einer Armee-Einheit gestohlen hatten. Und nach vollbrachter Tat dort sogar wieder ablieferten. Korruption und schlampige Dienstauffassung, rügte der Beamte, sorgten dafür, dass die Effizienz der Terrorismusbekämpfung im Nordkaukasus gegen null tendiere. Bei mehr Wachsamkeit hätten sowohl der Überfall von Untergrundkämpfern auf das tschetschenische Parlament vergangene Woche, der Anschlag auf ein Wasserkraftwerk in Kabardino-Balkarien im Juli und die Explosion auf dem Markt in Wladikawkas im September verhindert werden können. In allen drei Fällen gab es Tote und Verletzte.

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