Russlands Präsidentenwahl : TV-Moderatorin tritt gegen Putin an

Ihr Vater war einst der Chef von Putin, sie selbst war Russlands erstes It-Girl. Jetzt will Xenia Sobtschak Präsidentin werden.

Frank Herold
Die Journalistin Xenia Sobtschak hat angekündigt, sie werde bei den Präsidentschaftswahlen im März 2018 antreten.
Die Journalistin Xenia Sobtschak hat angekündigt, sie werde bei den Präsidentschaftswahlen im März 2018 antreten.Foto: Alexander Zemlianchenko, dpa

Sie ist keine Politikerin, sie hat kein Programm und (noch) kein Wahlkampfteam. Doch Xenia Sobtschak erklärte jetzt, sie werde bei den russischen Präsidentschaftswahlen im März 2018 gegen Wladimir Putin antreten. Der Mann, der das Land seit fast zwei Jahrzehnten beherrscht, wird herausgefordert von einer 36-jährigen Fernsehmoderatorin, die ihre Karriere als It-Girl im Internet begann. Doch wird er das wirklich? Die Meinungen in Moskau gehen derzeit weit auseinander.

Alles begann mit einer Veröffentlichung der Moskauer Zeitung „Wedomosti“. Das Blatt schrieb im September, der Kreml habe eine weibliche Zählkandidatin gefunden, die pro forma gegen Putin antreten könne. Es sei eine „kluge, leuchtende, interessante Person, die nicht gerade dem russischen Frauenbild entspreche“, wurde eine anonyme Quelle aus dem Zentrum der Macht zitiert. Ihr Name: Xenia Sobtschak.

Das nährte sofort den Verdacht, sie sei Teil einer jener Inszenierungen, die die Moskauer Führung gern als Demokratie ausgibt. Das Ziel: Mit dem Schein von Wettbewerb soll die Wahlbeteiligung erhöht werden. Auf Sobtschak sei der Kreml wohl gekommen, weil sie landesweit bekannt und zugleich zu schillernd ist, um wirklich viele hinter sich zu sammeln. Also ungefährlich.

Rufe nach der Alternative

Als sich Sobtschak im Winter 2011/12 den Massenprotesten gegen Putin anschloss, war das überraschend. Vorher hatte sie in ihrem Blog ihr Leben auf der Überholspur zur Schau gestellt – eine typische Vertreterin der jungen Generation russischer Neureicher. Jetzt redet Sobtschak in ihren Auftritten als TV-Moderatorin wie die Vertreter der liberalen Opposition, aber sie gehört auch zum System. Ihr Vater Anatoli Sobtschak, der ermordet wurde, war als Bürgermeister von St. Petersburg in den 90er Jahren der Chef von Wladimir Putin. Manche behaupten sogar, Sobtschak sei Putins Patentochter. Deshalb lasse er ihr auch einiges durchgehen, zum Beispiel freche Fragen auf Pressekonferenzen.

Der im Westen bekannteste Oppositionelle, Alexej Nawalny, reagierte verschnupft auf die Kandidatur Sobtschaks. Mit ihr wolle der Kreml die Bewegung gegen Putin spalten, meint er. Nicht alle sehen das so. Die Geschwindigkeit, mit der ein zunächst grotesk scheinender Vorschlag sich in politische Realität verwandelte, müsse den Herrschenden zu denken geben. Es zeige, dass der Ruf nach einer Alternative zum 65-jährigen Putin stärker werde.

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