Politik : Russlands unblutige Wirren (Leitartikel)

Christoph von Marschall

W enn Boris Jelzin so weitermacht, wird man sich den Namen Wladimir Putin jedenfalls nicht merken müssen. Alle drei Monate ein neuer Premier - das ließe noch Raum für einen vierten Regierungschef und weiteren angeblichen Wunsch-Nachfolger auf dem Präsidententhron in diesem Kalenderjahr, ehe die Russen am 19. Dezember ein neues Parlament wählen. Und falls die nächste Duma ähnlich zersplittert ist wie die aktuelle und mangels klarer Mehrheiten kein ernst zu nehmendes Gegengewicht zum Kreml bildet, wird sich das unterhaltsame Spiel des Heuerns und Feuerns mindestens bis zu den Präsidentenwahlen im Sommer 2000 fortsetzen - vielleicht auch noch länger.

Immerhin, so nimmt die Welt wenigstens Notiz von Russland und weiß, dass Boris Jelzin noch lebt, trösten sich manche Bürger der einstigen Supermacht. Anderen ist solch schwarzer Humor längst vergangen. In Moskau spricht man wieder von der "Smuta", einer Zeit blutiger Wirren vor 400 Jahren - mit einigen frappierenden Parallelen zur Entwicklung seit dem Beginn von Glasnost und Perestrojka 1985: Das Ende der Terrorherrschaft Iwans des Schrecklichen 1584 stürzte den Staat damals in eine tiefgreifende Legitimationskrise und in Machtkämpfe zwischen vermögender Hocharistokratie (heute: Wirtschaftsmagnaten à la Beresowskij) und Dienstadel im Kreml.

Die "Smuta" endete erst mit der Inthronisierung des neuen politischen Systems unter der Dynastie Romanow 1613. Wird Russland auch diesmal drei Jahrzehnte brauchen, ehe es zu neuer Stabilität findet - und dabei bürgerkriegsähnliche Unruhen durchleiden, deren Ausläufer sich auch hierzulande noch bemerkbar machen in Börsencrashs und Flüchtlingsströmen, ganz zu schweigen von den Risiken unkontrollierter Atomwaffen?

Der Westen tut gut daran, auch diese Eventualität ins Kalkül einzubeziehen. Aber zwingend ist eine solche Verschärfung der russischen Krise keineswegs. Die Dauer der "Smuta" gibt vielmehr eine Ahnung, welche Zeiträume für die Konsolidierung eines Kolosses wie Russland zu veranschlagen sind. Und dass bei der Bewertung nicht westliche, sondern russische Maßstäbe anzulegen sind. Erfolg heißt: Der Rubelsturz vor einem Jahr hat nicht zum völligen ökonomischen Zusammenbruch geführt, die Inflationsrate ist nur noch zweistellig; freilich gibt es auch kein Wachstum, das Bruttoinlandsprodukt sinkt weiter. Erfolg heißt: keine weiteren Sezessionskriege à la Tschetschenien; das von Satellitenstaaten und Sowjetrepubliken ohne russische Mehrheit befreite Rest-Imperium ist - vorerst - nicht von weiterem Zerfall bedroht. Erfolg heißt: Ein Diktator, ein russischer Hitler gar, ist nicht in Sicht; allerdings auch keine mehrheitsfähige Koalition für konsequente Reformen. Mit einem Wort: Es ist zwar keine substanzielle Verbesserung zu verzeichnen, aber die Katastrophe ist gleichfalls ausgeblieben.

Darf man mehr wünschen? Man darf. Eines Tages werden die Reformpolitiker das gemeinsame Interesse über den persönlichen Ehrgeiz stellen und eine Koalition für den Wandel schmieden - ganz verwegene Optimisten hoffen: noch vor den Wahlen im Dezember. Geeint haben sie gute Aussichten, eine Regierungsmehrheit zu erringen. Skeptischere Geister veranschlagen mehr Zeit für diesen Lernprozess: In der Smuta vor 400 Jahren brauchte es eine Generation - und dazu den Leidensdruck blutiger Unruhen. So gesehen sind jede weiteren drei Monate unblutiger Wirren ein Gewinn, ob nun unter Stepaschin oder Putin.

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