Sachsen-Affäre : Plauener Spinnennetz

"Wegschauen, Begünstigen, Vertuschen" - Autor Roth stellt in der Kleinstadt im Vogtland sein Buch über Korruption in Deutschland vor und erntet nicht nur Zustimmung.

Sabine Beikler[Plauen]

Der Plauener Weihnachtsmann ist sauer. Wie könne so jemand wie „der Roth“ seine Heimatstadt derart verunglimpfen. „Eine Unverschämtheit: Wenn der schreibt, dass Plauen allenfalls durch Plauener Spitzen bei häkelnden Damen bekannt ist, hat der doch keine Ahnung von unserer Stadt.“ Und noch etwas ärgert Gerd Köhler, 60, Reisebüro-Inhaber: Dass „der Roth“ in seinem Buch „Anklage unerwünscht!“ ihn, der wegen seines langen Bartes jedes Jahr auf dem Weihnachtsmarkt den Weihnachtsmann spielt, als ehemaligen SED-Funktionär hinstellt – also wirklich: „Dass da immer wieder Wessis kommen, um den Ostdeutschen ihre Geschichte vorzuhalten.“ Köhler schaut kopfschüttelnd zu „dem Roth“.

Zur Buchvorstellung von Jürgen Roth sind am Freitagabend 200 weitere Zuhörer ins Plauener Dormero Hotel am Theater gekommen. Es sind viele Ältere darunter, die darauf warten, was Roth ihnen vor allem über das „Plauener Spinnennetz“, ein Kapitel in seinem Buch, zu erzählen hat. In diesem schwer durchschaubaren Netz bewegen sich „korrupte Polizeibeamte, ohnmächtige Staatsanwälte, unbedarfte Richter oder schmuddelige Unternehmer“, wie Roth und seine Koautoren Rainer Nübel und Rainer Fromm schreiben. Drei Jahre haben die Autoren in der Bundesrepublik recherchiert und an vielen Orten das gleiche Prinzip gefunden: „Wegschauen, Begünstigen, Vertuschen“, sagt Nübel. „Der Mangel an Unabhängigkeit der Justiz gegenüber der Politik gibt großen Anlass zur Sorge.“ Er erzählt Geschichten aus Bayern in Verbindung mit dem Gerichtsverfahren von Strauß-Sohn Max. Die Leute im Saal hören gebannt zu und nicken zustimmend.

Dann tritt Jürgen Roth ans Mikrofon. „Ich finde Plauen eine schöne Stadt“, beginnt er. Was an der 70 000 Einwohner zählenden Stadt aber sehr auffallend sei, seien die kriminellen Netzwerke, in denen alte Stasi-Seilschaften eine große Rolle spielten. Es gibt Geschichten über Bauunternehmer, Absprachen mit der Politik, Verbindungen zur Polizeispitze und ins Rotlicht-Milieu. Diese bedenklichen Verbindungen gibt es offenbar auch in Leipzig, Dresden und Chemnitz. Rund 100 Aktenordner hatte der Verfassungsschutz darüber zusammengetragen. An diese Akten ist Roth herangekommen und hat sie gelesen. „Es ist eine lange korruptive Beziehungsgeschichte“, sagt er.

Warum er denn keine Namen nenne, fragt ein Zuhörer. Roth erklärt, dass er keine gerichtsverwertbaren Unterlagen habe und er deshalb aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes die Namen nicht publizieren dürfe. Ein anderer Zuhörer sagt, der Sumpf habe auch was mit den „drittklassigen West-Importen“ zu tun, die nach der Wende in den Osten gekommen seien. Alle nicken.

Ein Vogtländer appelliert an die Zivilcourage, gegen korrupte Netzwerke und „solche Verbrecher“ zu kämpfen. Er könne nur hoffen, dass die Schuldigen gefunden und bestraft werden. Der Plauener Weihnachtsmann winkt ab. „Ist das alles wirklich wahr?“, fragt er. Aber auch um ihn selbst ranken in Plauen Geschichten, die keinen Stoff für ein anrührendes Weihnachtsmärchen bergen.

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