Politik : Sachsen-Anhalt: Otto der Große, Luther und das Chemiedreieck

Hermann Rudolph

Man kommt um das Land gar nicht herum. Irgendwann reckt sich einem auf den Autobahnen nach Westen oder nach Süden dieses merkwürdige, unübersichtliche Wappen entgegen, eine kleine Menagerie von Adler und Bär auf gelb-schwarz-grünem Grund, zur Begrüßung oder Verabschiedung. Denn Sachsen-Anhalt liegt ja wirklich in der Mitte, ein Durchgangsland, ein Zwischenland. Nach allen Regeln der Strukturpolitik hat es die besten Ausgangsbedingungen für eine erfolgreiche Entwicklung. Es ist eine wichtige Industriezone und ein altes Kulturland. Aber in seiner schönen barocken Staatskanzlei in Magdeburg sitzt Ministerpräsident Reinhard Höppner, zieht an der Pfeife und seufzt: "Wenn wir nur einmal von unserer Roten-Laterne-Mentalität loskämen."

Die rote Laterne hat das Land unbestreitbar. Nach der Zahl seiner Bewohner liegt es zwar vor Thüringen, aber mit seinen Wirtschaftsdaten ist es fast immer das Schlusslicht: Höchste Arbeitslosigkeit, die meisten Beschäftigten in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die massivste Nettoverschuldung. Überdies ringt das Land zwischen Harz und Elbe auch noch mit einem wenig schmeichelhaften Außenbild. Gerät es gerade einmal nicht mit rechtsradikalen Exzessen in die Schlagzeilen, ist es sicher die Empörung über die Zusammenarbeit der SPD-Regierung mit der PDS, die es dorthin befördert. Und nach innen hat es Mühe, sich überhaupt als Land wahrzunehmen: "Eine symbolische Identifikation mit dem Land als staatliche Einheit ... ist nicht erkennbar", dekretieren kühl die Umfrage-Forscher über die Einstellung der Bevölkerung.

Doch wo soll das Bewusstsein, ein Land zu sein, auch herkommen? Was, zum Beispiel, hat die Altmark im Norden, das flache Land um Stendal, Gardeleben und das malerische Tangermünde zu tun mit dem Zipfel des Landes, mit dem es im Süden zwischen Sachsen und Thüringen ausläuft? Altmark: das ist schon Norddeutschland, Landwirtschaft, die Kultur kleiner Ackerbürgerstädte - "da war der Sozialismus noch nicht angekommen, als er schon wieder abgeschafft wurde", flachst Höppner. Dort: Halle, die Kultur- und Industriestadt, die Chemie- und Braunkohlen-Region, alles Prestige-Objekte der DDR. Dann: das Land um Saale und Unstrut, für Mitteldeutschland fast schon eine südliche Region.

Ist Sachsen-Anhalt überhaupt ein Land? Ist es nicht eher eine Versammlung von Regionen mit unterschiedlichem historischen Relief? "Wir sind hier preußisch eingestellt", sagte Willi Polte, der Bürgermeister von Magdeburg, das einst Zentrum einer preußischen Provinz war. Sein Naumburger Kollege Curt Becker, der auch im Landtag sitzt und deshalb die Distanzen zwischen der Landeshauptstadt und Naumburg am eigenen Leibe erfährt, findet seine Stadt eher durch Sachsen geprägt, obwohl sie 150 Jahre lang preußisch war. Vor allem fehlt Sachsen-Anhalt ein "natürliches Zentrum", sagt der Landeshistoriker Mathias Tullner. Schlimmer noch: es hat zwei, mit unterschiedlichen Blickrichtungen, Magdeburg und Halle - das eine orientiert nach Niedersachsen und Brandenburg, das andere eingebunden in die Region Halle-Leipzig. Der Ministerpräsident spricht vorsichtig von "auseinanderlaufenden Befindlichkeiten". Becker schlägt in die Kerbe daneben: Das Land sei nicht "emotional besetzt". Es bleibe ein "Kunstprodukt".

Wollte sich das Land denn überhaupt wiederhaben? "Ich sehe mich noch 1990 auf dem Bahnhof Lichtenberg in Berlin stehen", erinnert sich Höppner, "in der Hand einen dieser dünnen Durchschläge, auf denen die DDR-Opposition ihre Nachrichten verbreitete". Da las er zum ersten Mal die Forderung nach Wiederherstellung der Länder. Kam das Papier aus Sachsen oder Thüringen? Aus dem künftigen Sachsen-Anhalt kam es jedenfalls nicht. Was nicht verwundert: Ein Land Sachsen-Anhalt hat es nur fünf Jahre lang gegeben. Dann wurde es auf die Bezirke Magdeburg und Halle aufgeteilt. Von dem Nachkriegsprodukt war kaum mehr übrig geblieben als die Stempel in den Büchern der Landesbibliothek. Und als man dann stolz die gelb-schwarzen Landesfarben aufzog, da sah Matthias Tullner mit seinem landesgeschichtlich geschärften Blick verblüfft, dass manche sie verkehrtherum aufhängten.

Der Ruf nach der Wiedererichtung des Landes war deshalb, so Tullner, "später und verhaltener" zu vernehmen als in anderen Teilen der DDR. Nicht zufällig wurde die Region zum Hauptschauplatz der kurzen Neugliederungs-Diskussion. Dass Sachsen-Anhalt zwischen den anderen Ländern aufgeteilt werden müsse, war geradezu ihr Hauptthema. Zugleich zerrten Absetz-Bewegun-gen von Kreisen und Städten an dem Land. Dass zum Beispiel Naumburg bei Sachsen-Anhalt geblieben ist, verdankt sich, so vermutet Oberbürgermeister Becker, nur dem Umstand, dass es das Oberlandesgericht bekam, das immer der Stolz der Stadt war. Um so bitterer verlief der Streit, den sich Magdeburg und Halle um die Hauptstadt lieferten. Mit dem Ende, dass Sachsen-Anhalt in Dessau gegründet wurde.

Andererseits: Nirgendwo sonst werden die Charakterzüge der Region so bewegt, so beschworen wie in Sachsen-Anhalt. Solche Selbsterklärung betreiben alle neuen Länder, mit Prospekten, Broschüren und Faltblättern, aber die aus Sachsen-Anhalt sind die besten. Da entfaltet sich das sonst so schwer auszumachende Landesbewusstsein zu einem großen Wir-sind-doch-wer-Gefühl. Wir sind, so verkünden unisono Bilder und Texte, das Land der Reformation, Lutherland, denn hier, zwischen Wittenberg und Eisleben, dem Geburts- und Sterbeort, hat der Reformator gelebt. Hier wirkten Bach, Telemann und Händel. Hier entstand das pädagogisch-politische Kunstwerk des Wörlitzer Parks. Und weit hinter Luther und Nietzsche, der hier geboren wurde, und dem Bauhaus in Dessau, ragt die ottonische Herrschaft auf - eine mythenhaft ferne Epoche, König Heinrich I. und Kaiser Otto der Große, die "Wiege des deutschen Reiches". Alles untermischt mit der bangen Frage: Weiß man das? Draußen in der Bundesrepublik? Drinnen im Land?

Aber, so lautet das nüchtern-zynische Urteil, von Otto dem Großen kann man nicht leben. Doch ein Zentrum der Industriegeschichte war die Region auch. Magdeburg wurde schon in der Epoche der Industrialisierung eine Hochburg des Maschinenbaus. Südlich von Halle entstanden im Ersten Weltkrieg die größten Braunkohlewerke der Welt. Mit Halle-Bitterfeld ist die Entwicklung der modernen Chemie verbunden - Stichworte Leuna und Buna. In Wolfen wurde der erste Farbfilm und der Kunststoff PVC entwickelt, in Dessau das erste Ganzmetallflugzeug.

Ein Zentrum der Industrie war die Region auch in der DDR. Zumal dem Bezirk Halle galt die besondere Aufmerksamkeit der DDR-Oberen. Er wurde zum Chemie-Bezirk aufgerüstet, Bitterfeld als Ort gesellschaftspolitischer Kampagnen profiliert. Halle bezahlte dafür mit den bekannten sozialistischen Deformationen, gewaltigen Plattenbauten und Straßenführungen, die die urbanen Strukturen sprengten, dazu mit der größten sozialistischen Satellitenstadt der DDR, die schlicht Halle-Neustadt genannt wurde - einem Hochhausgebirge, das sich rüde absetzt gegen die schöne, von einem Hauch Romantik umwehte, türmereiche Silhouette von Halle.

In ihrer Weise waren das auch Errungenschaften. Nur erwiesen sie sich nach der Wende als schwere Hypotheken. Dass Chemie, wie die DDR verkündete, "Brot, Wohlstand und Schönheit" gibt, klingt den Sachsen-Anhaltern heute wie Hohn in den Ohren. "Wie kein anderes neues Land haben wir den Zusammenbruch der alten Strukturen erlebt", ist Höppner überzeugt. Abbau von 120 000 Arbeitsplätzen in der Chemie, das Ende des Mansfelder Kupfererzbergbaus, das schrittweise Abbrechen von Sket, dem Magdeburger Schwermaschinenbauer - das alles hat tiefe Spuren hinterlassen. Da verwundert es auch nicht, dass man hier bei dem Namen Leuna nicht wie der Rest der Republik an Helmut Kohls Spenden-Affäre denkt, sondern an die Rettung des Chemiedreiecks. Erst seit der Mitte der neunziger Jahre habe, so der Ministerpräsident, eine gewisse Konsolidierung stattgefunden. Nun kommen neue Firmen hinzu, im Medien-Bereich, in der Biotechnik. Eine "Phasenverschiebung gegenüber den anderen Ländern", konstatiert Höppner.

Auch politisch legte Sachsen-Anhalt eher einen Stolperstart hin. Drei CDU-Ministerpräsidenten in den ersten vier Jahren, ärgerliche Querelen im Landtag, schwer erklärbare Unverträglichkeiten zwischen den Führungspersönlichkeiten von SPD und CDU, Höppner und Bergner. Dann, nach der Landtagswahl 1994, das heftig umstrittene Magdeburger Modell, mit dem Höppner aus den üblichen Koalitionsmechanismen ausbrechen wollte, aber bei der PDS-Zusammenarbeit landete. Es kam der spektakuläre Erfolg der DVU bei der Landtagswahl 1998. Nach wie vor ist Höppner davon überzeugt, dass das Magdeburger Modell dem Land mehr Stabilität verschafft hat. Der Pfarrerssohn und einstige Synodal-Präses, wohl vertraut mit dem Ritual von Verfehlung, Besinnung und Reue, nimmt für das Land in Anspruch, dass es einen Lernprozess hinter sich gebracht hat, bei dem es "für vieles das Lehrgeld gezahlt hat".

Es geht ja auch voran. Selbst Magdeburg, die Landeshauptstadt, der man nicht zu nahe tritt, wenn man feststellt, dass sie in der DDR-Zeit mit am hässlichsten zugerichtet wurde, kann sich wieder sehen lassen. In seinem Arbeitszimmer in dem schon zu DDR-Zeiten restaurierten Rathaus hat der Oberbürgermeister die Bilder seiner Vorgänger aus der Zeit vor den Diktaturen aufgehängt - der letzte hieß Ernst Reuter. Natürlich, sagt er, konnte man an der Grobstruktur, die die DDR der im Krieg zu achtzig Prozent zerstörten Stadt beim Wiederaufbau aufgedrückt hat, nicht mehr viel ändern. Aber man kann daraus wieder etwas Städtisches machen - wenn man, zum Beispiel, 265 Altansprüche befriedigt, um ein Zentrum zur Belebung der großen Einkaufstraße zu errichten. Oder die stalinistischen Imponierbauten im Zentrum modernisiert. Bei der Bundesgartenschau 1999 seien die Magdeburger zum ersten Mal wirklich stolz auf ihre Stadt gewesen. Aber, so fügt er hinzu, wenn er in Bonn am Rhein sitze, "sehe ich alle fünf Minuten ein Schiff vorbeifahren. Hier, an der Elbe, sitze ich manchmal eine Stunde, bis eins kommt". Dabei war Magdeburg der größte Binnenhafen der DDR.

Vielleicht kann man doch von Otto dem Großen leben, wenigstens ein bisschen? Wenn etwas das Land zusammenfügt, dann ist es in der Tat der Kulturraum des mittleren Deutschlands, dieser große historische Bogen von den sächsischen Kaisern bis zum Dessauer Bauhaus. Irgendwie tritt er wieder hervor, nicht nur auf der "Straße der Romanik", die das Land als eine Art Pilgerpfad zur Identitätsfindung eingerichtet hat. Selbst der Ministerpräsident räumt ein, dass ihm die Fülle dieser Zeugnisse der Geschichte erst klar geworden sei, seitdem es das Land wieder gibt. Und wenn eine renommierte westdeutsche Zeitung über Sachsen-Anhalt mäkelt, gar von seiner "geringen kulturellen Substanz" schreibt, dann bekommt sie einen geharnischten Leserbrief von Alt-Bundespräsident Weizsäcker, in dem steht, dass das Land "einen unübertrefflichen und unersetzbaren Begriff von den Ursprüngen deutscher politischer und kultureller Identität" gibt.

Da ist es vielleicht gar nicht so falsch, dass Sachsen-Anhalt der für das nächste Jahr geplanten Ausstellung über Otto den Großen wie einem großen politischen Ereignis entgegensieht. Nirgendwo liegen das Heute und die Ferne der Herkunft ja so nahe beieinander wie hier. Nur einen Steinwurf entfernt vom politischen Alltag des Landes, von Landtag und Staatskanzlei, steht der gewaltige, 955 begonnene Dom, in dem Kaiser Otto begraben ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar