Politik : Saddam erklärt sich für unschuldig

In Bagdad hat der Prozess gegen den früheren Diktator begonnen / Schiiten jubeln, Sunniten kritisieren

Martin Carroll[Bagdad]

Unter massiven Sicherheitsvorkehrungen hat am Mittwoch in Bagdad der Prozess gegen den früheren Diktator Saddam Hussein und sieben weitere Angeklagte begonnen. In einem ehemaligen Hauptquartier der aufgelösten Baath-Partei eröffnete der Vorsitzende Richter Risgar Mohammed Amin die Verhandlung. Alleiniger Gegenstand des Verfahrens ist die Hinrichtung von etwa 150 Personen, die nach einem versuchten Anschlag auf Saddam Hussein im Juli 1982 in Dudschail bei Bagdad festgenommen worden waren. Bereits bei der Namensfeststellung kam es zu jenen Szenen, die das irakische Sondertribunal und dessen federführende US-Berater hatten vermeiden wollen: Mehrfach ließ Saddam den Richter auflaufen, weigerte sich, seinen Namen zu nennen, und gab weitschweifige Erklärungen ab. Auch die anderen Angeklagten gaben eher abstruse Antworten, einer behauptete, Bauer zu sein. Ebenso wie Saddam Hussein, erklärten sie sich für nicht schuldig.

Grundsätzlich bestreiten Saddam und die anderen Angeklagten, darunter Ex-Vizepräsident Raha Jasin Ramadan und Saddams Halbbruder Barsan Tikriti, die Legitimität des Gerichts, über sie zu urteilen. „Ich werde diesem so genannten Gericht nicht Rede und Antwort stehen“, so Saddam. Es sei nicht rechtmäßig und er behalte sich „alle verfassungsmäßigen Rechte als Präsident des Iraks vor“. In Bagdad waren die Reaktionen unterschiedlich: Während Schiiten den Prozess bejubelten und Saddams Hinrichtung forderten, erklärten Sunniten das Verfahren für illegitim – schon weil der Vorsitzende Richter ein Kurde aus dem Nordirak sei und folglich anti-irakische Interessen hege. Insgesamt wurde der erste Prozesstag mit eher mäßigem Interesse verfolgt.

Einwohner der schiitischen Stadt Dudschail jedoch, um deren erlittenes Unrecht es in dem Prozess geht, sagten irakischen Zeitungen, sie hätten größte Angst vor dem Verfahren: Würde Saddam hingerichtet, seien sie der Rache ihrer sunnitischen Nachbarn ausgeliefert. In Halabdscha, wo Saddams Luftwaffe 1988 etwa 5000 Kurden mit Giftgas tötete, kündigte der Chef der Opfervereinigung an, die Regierung zu verklagen, würde Saddam nicht auch deshalb der Prozess gemacht. Die Frage ist, ob es so weit kommt: Regierungssprecher Laith Kubba sagte bereits vor Wochen, wenn – wie viele erwarten – der Diktator im Dudschail-Verfahren zum Tod durch Erhängen verurteilt wird, sollte das Urteil sofort exekutiert werden. Am Ende der mehrstündigen Verhandlung, die das Fernsehen mit Verzögerung übertrug, gab das Gericht einem Antrag der Verteidigung statt und vertagte die Fortsetzung des Verfahrens auf den 28. November.

Die britische Zeitung „Guardian“ erklärte am Mittwoch, einer ihrer Reporter sei in Bagdad entführt worden. Der 33-jährige Rory Carroll sei vermutlich von Bewaffneten verschleppt worden.

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