Politik : „Saddam hat sieben Leben“

Viele Iraker glauben, dass der Ex-Präsident noch im Land ist

Anne-Beatrice Clasmann (dpa)

Bagdad. Zwischen den rußgeschwärzten Fassaden der Ministerien, in den Caféhäusern und Wohnzimmern von Bagdad gibt es seit dem Einmarsch der US-Truppen viele arbeitslose Beamte, Berufssoldaten und Parteifunktionäre, die Zeit zum Fabulieren haben. Eines ihrer Lieblingsthemen ist die Frage: Wo steckt Saddam Hussein?

Am Samstag veröffentlichte eine arabische Zeitung mit Sitz in London einen neuen Brief, der angeblich von Saddam Hussein stammen soll. In dem Brief fordere Saddam das irakische Volk auf, sich gegen die US-Soldaten zu erheben, berichtete „El Kuds".

Im Irak glauben nur wenige, dass Saddam getötet wurde, etwa bei dem Angriff auf ein Restaurant im Stadtteil El Mansur. Die Mehrheit denkt, dass er sich irgendwo in Bagdad versteckt. „Saddam ist nicht tot. Der Mann hat sieben Leben“, flüstert Abbas. Madschid, der früher technischer Zeichner war und heute eine kleine Firma leitet, schwört, dass er Saddam am 9. April, ungefähr zur gleichen Zeit, als die Amerikaner zu ihrem entscheidenden Vorstoß über den Tigris ansetzten, in seinem Viertel in Bagdad gesehen hat. Er habe ihn sogar mit seiner Kalaschnikow vor möglichen Angreifern beschützt, fügt Madschid hinzu. Viele Menschen aus dem Viertel Adhamija, in dem der Ex-Machthaber besonders viele Anhänger hatte, bestätigen den Vorfall. Ein Videoband dieses letzten „Auftritts“ des Diktators, das dem Sender Abu Dhabi TV wenige Tage nach dem US-Einmarsch zugespielt worden war, zeigt Saddam – oder einen seiner Doppelgänger – tatsächlich in Adhamija. Ob die Aufnahmen wirklich am 9. April gemacht wurden, ist jedoch umstritten.

Diskutiert wird in Bagdad auch, ob es Saddam mit dem von ihm beiseite geschafften Geld nicht doch gelungen ist, die Stadt in letzter Minute zu verlassen. Die Angehörigen der Führungsclique, die verhaftet wurden oder sich gestellt haben, hatten sich fast alle in Bagdad versteckt. Syriens Präsident Baschar al Assad räumte unterdessen ein, Angehörige von Führungsmitgliedern aufgenommen zu haben. Frauen und Kinder seien ins Land gelassen worden, sagte er dem Magazin „Newsweek“.

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