Politik : „Saddam ist ein gebrochener Mann“

Der Iraker Muaffak al Rubai hat als einer der ersten mit dem Gefangenen gesprochen – und ihn kaum wiedererkannt

Andrea Nüsse[Bagdad]

NACH DER FESTNAHME VON IRAKS EX–DIKTATOR

Der Triumph ist Muaffak al Rubai anzumerken. Das schiitische Mitglied des provisorischen Regierungsrates im Irak, der jahrelang im Exil lebte, hat Saddam Hussein kurz nach seiner Gefangennahme gesprochen. „Er ist ein gebrochener Mann, demoralisiert und psychisch ruiniert“, sagt al Rubai im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Bei dem Treffen habe Saddam Hussein meist auf den Boden geschaut und den direkten Blickkontakt vermieden. Nur zu US-Zivilverwalter Paul Bremer und dem Oberkommandierenden der US-Streitkräfte im Irak, General Sanchez, habe er bei schwierigen Fragen der irakischen Besucher teilweise Hilfe suchend aufgeschaut. „Er ist schwach, er suchte Schutz bei ihnen“, glaubt al Rubai.

Dennoch tischte der gestürzte Diktator der Gruppe irakischer Politiker die gleiche Propaganda auf, die er jahrzehntelang verbreitet hat. Angesprochen auf die 300 000 Menschen, die beim Aufstand im schiitischen Süden des Landes 1991 getötet wurden, antwortete er: „Das waren alles Randalierer und Diebe.“ Auf die Feststellung, dass nach seiner Festnahme die Menschen auf den Straßen gefeiert hätten, soll er gesagt haben: „Wenn heute Wahlen wären, würde ich wiedergewählt“. Auf die Frage, warum er bei seiner Festnahme nicht einen einzigen Schuss abgefeuert habe, soll er mit der Gegenfrage geantwortet haben: „Was weißt du schon vom Kämpfen?“ Doch es gab auch eine Überraschung: Als er gefragt wurde, wie er im kurdischen Halabscha 5000 Menschen vergasen konnte, soll Saddam Hussein gesagt haben: „Das waren die Iraner.“

Für den gelernten Neurologen al Rubai, der in London studiert hat und später im iranischen Exil lebte, ist der Fall klar: „Saddam Hussein glaubt seine eigenen Lügen. Dazu hat er sie oft genug wiederholt.“ Für jede Frage habe er eine vorgefertigte Antwort. Al Rubai ist überzeugt, dass Saddam Hussein sein Gerichtsverfahren in ein politisches Spektakel verwandeln wird – „so wie Milosevic“. Damit werde er versuchen, Araber und Muslime in der ganzen Welt für sich einzunehmen. Dennoch spricht sich al Rubai für ein öffentliches Verfahren aus, das auch vom Fernsehen übertragen werden müsse. „Das ist ein wesentlicher Bestandteil der Wahrheitsfindung und der Versöhnung im Lande."

Einig seien sich alle Mitglieder des Regierungsrates in einem Punkt: „Saddam Hussein muss vor ein irakisches Gericht – egal, was die Amerikaner sagen". Mögliche Differenzen mit Washington spielt al Rubai jedoch herunter. Man habe ähnliche Interessen und arbeite partnerschaftlich zusammen. Der Irak sei sehr wohl in der Lage, ein solches Gerichtsverfahren, das internationalen Standards entsprechen müsse, zu organisieren. Wenn man Expertenhilfe brauche, werde man sie sich holen. Daher werde es auch sicher noch Monate dauern, bis der Prozess beginnen könne. „Auch wenn die Menschen auf der Straße ungeduldig sind."

So glaubt al-Rubai, dass die Iraker von ihrem Ex-Präsidenten vor Gericht nicht viel außer politischer Propaganda erfahren werden. Doch er schließt nicht aus, dass Saddam Hussein gegenüber den Amerikanern auskunftsfreudiger sein könnte. „Wenn er sein Leben damit retten kann, wird er einen Deal und bestimmte Geständnisse machen“, zeigt sich al Rubai überzeugt. Nichts sagen dürfte Saddam Hussein in diesem Falle wohl zu dem Thema, das wiederum einige Iraker interessiert: Wie gut seine Regime eigentlich mit der US-Regierung während des Krieges gegen Iran zusammengearbeitet hat und zu jener Zeit, als die Massaker in Halabscha verübt wurden.

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