Politik : „Saddam ist sehr amerikanisch“

Der ehemalige UN-Beamte Picco über Iraks Staatschef, Diktatoren im Exil und Feinde beim Kaffeekränzchen

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Herr Picco, Sie haben zwischen 1980 und 1991 Saddam Hussein mehrmals persönlich getroffen. Worauf reagiert der irakische Diktator am ehesten: auf Drohungen oder auf Beschwichtigung?

Meiner vorsichtigen Einschätzung nach ist Beschwichtigungspolitik nicht das, was bei ihm jemals Wirkung zeigen könnte. Nein. Da müsste man schon eher mit einem brillanten Rezept kommen – zum Beispiel alle Probleme in den Ländern um ihn herum lösen und ihn so isolieren. Mag sein, dass, wenn wir das Palästinaproblem und das Kurdenproblem gelöst haben, er sich dann anders verhielte. Aber die vergangenen 30 Jahre haben gezeigt, dass nicht ein einziger Versuch der Besänftigung funktioniert hat.

Wie würden Sie Saddam beschreiben?

Er ist ein Mann, der das Feuer liebt. Und Feuer ist sehr attraktiv. Es gibt nichts Besseres, als sich am Feuer zu messen, wenn man etwas braucht, um sich selber etwas zu beweisen. Ich denke, in gewisser Weise ist Saddam Hussein sehr amerikanisch.

Was heißt das?

Ich meine, dass er glaubt, dass er absolut Recht hat. Und so sind auch die Amerikaner: Sie glauben, dass sie total Recht haben oder total schief liegen. Da gibt es eine gewaltige Ähnlichkeit. Das ist es auch, warum es vor dem Golfkrieg 1991 keine Verhandlungslösung gab. Ich hatte mal eine Theorie, die sagt, dass der 1991er Krieg hätte vermieden werden können, wenn Präsident Hussein und Präsident Bush sich wenigstens auf einen Kaffee getroffen hätten, nur die beiden allein. Dann hätte Hussein sich aus Kuwait zurückgezogen, ohne Krieg. Weil er seinem Feind auf gleicher Augenhöhe begegnet wäre. Sie hätten nicht zu diskutieren brauchen, nur Kaffee miteinander trinken.

Halten Sie Hussein für einen Spieler?

Oh ja, er ist ein großer Spieler. Ich glaube, dass das einzige Land, das derzeit für ihn zählt, Amerika ist, und dass er deshalb sein Spiel auch nur mit Amerika treibt. Ich glaube, die Europäer sind für ihn vollkommen irrelevant. Niemand außer Amerika zählt. Er braucht das Feuer. Er muss mit Feuer zu tun haben. Man kann nah an das Feuer herangehen und sich verbrennen, oder man kann nah genug herangehen und dann zurückweichen, weil es zu heiß ist.

Saddam geht ins Exil – ist das realistisch?

Ich bin sicher, niemand kennt diesen Mann wirklich, selbst seine engsten Freunde nicht. Aber soweit ich ihn kenne, würde ich sagen: Seine stärkste Waffe ist immer die Überraschung gewesen. Da dies seine Waffe ist, müssen wir uns auf alles gefasst machen. Ginge er ins Exil – es wäre eine große Überraschung. Aber Überraschung ist eine Waffe.

Wie wird das irakische Volk reagieren, wenn es zum Krieg kommt?

Niemand kann das bisher voraussagen. Auch ich nicht. Es wird davon abhängen, wie alles läuft. Ich vermute, wenn das irakische Volk sich gedemütigt fühlt, wird es an Husseins Seite bleiben.

Warum?

Was viele Leute nicht verstehen: Es gibt etwas im Leben, das ist wichtiger als Geld. Das ist die menschliche Würde. Solange es Menschen auf der Welt gibt, die glauben, dass jeder mit Todesdrohungen eingeschüchtert oder für Geld gekauft werden kann, werden Fehler gemacht. Denn es gibt Menschen, die sich nicht einmal im Angesicht tödlicher Bedrohung kaufen und ihre Werte abkaufen lassen. Das ist Menschenwürde. Wie die Iraker reagieren werden, hängt also davon ab, wie die Amerikaner vorgehen. Werden sich viele kaufen lassen? Sicherlich viele. Werden sich alle kaufen lassen? Nein. Würde kann immer noch ohne Geld verteidigt werden – und dementsprechend werden sich viele, Gott sei Dank, verhalten. Denn nur dank jener, die ihre Würde nicht aufgeben, werden wir morgen in einer besseren Welt leben.

Was erwarten Sie, wie die arabischen Nachbarn sich im Falle eines von Amerika geführten Angriffs verhalten werden?

Ich denke schon, dass es schließlich doch irgendwelche Arten von Kooperation zwischen den Nachbarn und Amerika gegen den Irak geben wird. So wird es kommen, auch wenn das sehr schwer für diese Länder wird. Deshalb sucht man eben nach einer anderen Lösung. Die meisten Nachbarn setzen sicher auf die Idee eines irakischen Regimes, das beschließt, ins Exil zu gehen, vorausgesetzt, dass dies dem irakischen Volk helfen würde.

Das Gespräch führte BarbaraMaria Vahl.

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