Saddams "Geheimpläne" : Experten zweifeln an Relevanz

Der Bericht der «New York Times» zu den angeblich weitergeleiteten Verteidigungsplänen von Saddam Hussein löst bei Militärexperten im Nahen Osten Kopfschütteln aus.

Kairo/Berlin - Eine Zeichnung, die neben die Veröffentlichung gestellt ist, wirft vor allem die Frage auf, ob so wirklich ein militärischer Verteidigungsplan aussieht.

Die Skizze, die vom damaligen irakischen Machthaber persönlich stammen und sein Konzept von der Verteidigung Bagdads am Vorabend der US-Invasion im März 2003 ausdrücken soll, zeigt weder geographische noch strategischen Details. Die eingezeichneten Militärverbände werden unterhalb der Divisionsebene nicht weiter aufgeschlüsselt.

Das Saddam zugeschriebene Dokument vom Dezember 2002 zeigt vier Ringe rund um das Zentrum von Bagdad, wo auch der Präsidentenpalast liegt. Den Ringen sind in aufsteigender Reihenfolge die Präsidentengarde, die Fedajin-Milizen, die Baath-Partei-Kampfgruppen und die so genannte Spezielle Republikanische Garde zugeordnet. In einem Abstand von 30 bis 100 Kilometern legt sich eine Spirale rund um die Hauptstadt. Für sie sind der Skizze zufolge die Medina- und die Hammurabi-Division der Republikanischen Garden zuständig.

Militärexperten in Bagdad bezweifeln die strategische Relevanz der Skizze. Sie erinnern daran, dass sich Saddam zwar gerne im Kampfanzug mit Generalssternen zeigte und seinen Kommandeuren langatmige Belehrungen erteilte, sein militärisches Wissen jedoch laienhaft war.

Hinzu kommt, dass die damalige Planung in der Realität nicht aufging. Während die beiden Gardedivisionen dem Vormarsch der haushoch überlegenen US-Truppen bei Kut und Kerbela noch einen geringfügigen Widerstand entgegensetzten, lösten sich die vier engeren Ringe um Bagdad beim Heranrücken der Invasoren in Luft auf. Dazu trug vor allem bei, dass die Amerikaner mit ihren High-Tech- Waffen die Kommunikation zwischen Saddam und seinem Militär völlig zerschlagen hatte.

Der eigentliche Wert der Zeichnung bestand für die Amerikaner wohl darin, dass sie, wie die «New York Times» schrieb, «außerordentliche Einblicke in die Überlegungen an der Spitze des Regimes» eröffnete. Doch gar so «top secret» war die «Strategie der Verteidigungsringe» nicht. Wer sich in den Wochen vor Kriegsbeginn in Bagdad aufhielt, konnte im regime-kontrollierten Fernsehen sehen, wie Saddam seinen Militärs einschärfte: «Wir werden lange, ineinander übergehende Verteidigungslinien haben.»

Nach dem ersten Schrecken signalisierten die erneut unter Beschuss geratenen BND-Experten in Pullach und Berlin angesichts der eher dünnen Vorwürfe ungewöhnlich rasch Entwarnung. Auf zwei Seiten listete BND-Chef Ernst Uhrlau für Regierungssprecher Ulrich Wilhelm auf, dass an den neuen Vorwürfen nichts dran sei. Schon die BND- Abqualifizierung des Zeitungsberichts als «schlichtweg falsch» zeigte, dass man sich dabei auf der sicheren Seite wähnt.

Mancher in Berlin macht sich allerdings so seine Gedanken über die Häufung solcher Botschaften von jenseits des Atlantiks. Nicht zum ersten Mal tauchte der Verdacht auf, die Informationen seien gezielt von US-Stellen gestreut worden, um die deutsche Außenpolitik zu diskreditieren oder den Verbündeten unter Druck zu setzen. «Desinformation aus US-Quellen» hatte der mit den Praktiken der US- Kollegen bestens vertraute ehemalige BND-Präsident Hans-Georg Wieck schon bei früheren Anlässen vermutet, als US-Medien mit pikanten Dingen über die frühere rot-grüne Regierung aufwarten konnten, die ihnen eigentlich nur innere Zirkel im Regierungsapparat zugetragen haben konnten. (Von Gregor Mayer und Joachim Schucht, dpa)

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