Politik : Saddams Sinneswandel

Iraks Diktator lädt nun doch den Chef der UN-Waffeninspektoren nach Bagdad ein

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Von Birgit Cerha

Die Methode erinnert an die 90er Jahre. Nach der Invasion Kuwaits von einem von den USA geführten Krieg bedroht, zeigte sich Iraks Diktator Saddam Hussein immer wieder plötzlich konzessionsbereit, wenn die Gefahr eines massiven Angriffs akut schien. Nun, da die Entschlossenheit von US-Präsident Bush zu einem Krieg gegen den Herrscher am Tigris immer offensichtlicher wird, greift der irakische Überlebenskünstler zur alten Taktik: Der Chef der UN-Waffeninspektoren, Hans Blix, solle Bagdad „zum schnellstmöglichen Zeitpunkt“ besuchen, um „offene Fragen in Zusammenhang mit der Wiederaufnahme der UN-Inspektionen zu klären“, ließ der Diktator seinen Außenminister Naji Sabri in einem Einladungsbrief an die UN schreiben. Wie wohl der Brief offen lässt, ob Bagdad nun der Rückkehr der UN-Inspektoren zustimmt, betonte ein Vertreter des Regimes, dass „dies geschehen wird".

Bush hat die bedingungslose Rückkehr der Inspektoren zur Bedingung dafür erhoben, dass er auf einen massiven Militärschlag auf den Irak verzichten könnte. Zugleich hat er am Donnerstag erneut betont, sich alle Optionen offen zu halten. Saddam wehrte sich bisher energisch dagegen, ein UN-Team wieder ins Land zu lassen, das nach irakischer Darstellung vor allem Militärspionage für die USA betreibe. Die Massenvernichtungswaffen, deren Restbestände die Inspektoren laut UN-Resolution ausfindig machen sollten, seien alle vernichtet worden, betont Bagdad.

Offizielle Kreise in Bagdad zeigten sich tief frustriert über die Versuche, eine Lösung des Konflikts mit den UN zu finden. Anfang Juli waren Gespräche zwischen Sabri und UN-Generalsekretär Kofi Annan in Wien vor allem deshalb gescheitert, weil der Weltsicherheitsrat Bagdads Forderung zurückgewiesen hatte, mit Blix zuerst über Abrüstungsfragen zu diskutieren, bevor die Inspektoren in den Irak zurückkehrten. Nach Ansicht Sabris steht Blix unter massivem US-Druck, jeden Kompromiss mit Bagdad zu vermeiden. In irakischen Regierungskreisen ist man überzeugt, dass Bush unter allen Umständen den Sturz des Regimes betreiben wolle. Durch eine erneute Zusammenarbeit mit den Waffeninspektoren würde Saddam die UN wieder in einen diplomatischen Prozess ziehen, an dessen Ende die Aufhebung der Sanktionen – und damit der Erhalt seines Regimes – stehen könnte. Genau dies, so meint man in Bagdad, liege heute nicht mehr im Interesse der USA. Doch eine Rückkehr der Inspektoren würde den arabischen, aber auch den westlichen Verbündeten der USA starke Argumente gegen einen Schlag auf Bagdad liefern. Washington – so hofft man am Tigris – könnte dann die ohnedies brüchige Allianz gegen den Irak nicht mehr zusammenhalten.

Die britische Regierung bezweifelte indes die Aufrichtigkeit Saddams. Dieser habe eine lange Geschichte, „was das Spielen von Spielchen angeht“, so ein Sprecher. Das russische Außenministerium begrüßte den Brief Sabris als wichtigen Schritt zu einer friedlichen Lösung des Streits. Der US-Kongress hatte zuvor in einer Anhörung über einen möglichen Militärschlag gegen den Irak debattiert.

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