Politik : Saddams Stimme

Tarik Asis war der bekannteste Repräsentant des Irak im Ausland – und bedingungslos loyal

Martin Gehlen

Dem Diktator Saddam Hussein war er bedingungslos ergeben, für das irakischen Regime war er zwei Jahrzehnte lang der offizielle Sprecher im Ausland. Als Außenminister und später als stellvertretender Ministerpräsident reiste Tarik Asis um die Welt, rechtfertigte 1990 den irakischen Überfall auf Kuwait, gab amerikanischen Fernsehsendern in fließendem Englisch Interviews und kämpfte für die Aufhebung der UN-Sanktionen gegen sein Land. Selbst beim Papst bekam der chaldäische Christ vor Beginn des Irak-Krieges eine Audienz. Asis stellte sich am Donnerstag den amerikanischen Truppen in Bagdad.

Der eloquente Politiker mit den weißen Haaren gehörte zu den Mächtigsten in der irakischen Führung. Seit mehr als dreißig Jahren war er Mitglied im Bagdader Führungszirkel, länger als kaum ein anderer Vertrauter Saddams. Sein Stern war in letzter Zeit jedoch etwas gesunken, nachdem sein Sohn wegen Korruption und Machtmissbrauch zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war. Zuletzt war er am 19. März öffentlich aufgetreten, als er auf einer Pressekonferenz Gerüchte über seine angebliche Flucht in den kurdischen Norden dementierte, die Kampfbereitschaft der irakischen Truppen lobte und den bevorstehenden Sieg seines Landes verkündete.

Asis wurde 1936 in der Nähe von Mossul im Nordirak geboren. Er studierte an der Universität Bagdad Englisch und schloss sich bereits in jungen Jahren der Baath-Partei an, in deren Reihen sich auch der damalige Jurastudent Saddam Hussein betätigte. Wie Saddam Hussein musste sich auch Asis immer wieder in den Untergrund zurückziehen und war Repressalien ausgesetzt. Aus diesem Grunde änderte der chaldäische Christ seinen Namen Michail Yuhanna in den religionsneutralen Decknamen Tarik Asis, was auf Arabisch „glorreiche Vergangenheit“ bedeutet. Seine Berufslaufbahn begann Asis als Journalist, zunächst als Reporter, später als Chefredakteur der Parteizeitung „El Thaura“. Nach der Übernahme der Macht durch die Baath-Partei 1968 machte er rasch Karriere. Von 1983 bis 1991 war er Außenminister, danach Vizeregierungschef.

Asis gehört zu der Minderheit der Christen im Irak, die etwa drei Prozent der Bevölkerung ausmachen. Zwei Drittel von ihnen leben in Bagdad, etwa 150 000 in der Region Mossul. Die wichtigste Gruppierung sind mit 400 000 Mitgliedern die Chaldäer, die zur katholischen Kirche gehören. Die Christen im Irak genossen im Vergleich zu anderen arabischen Ländern beachtliche religiöse Freiheiten. Auch vertrat der chaldäische Patriarch Rafael I. Bidawid in der Vergangenheit bei Auslandsreisen ebenso linientreu die Politik der irakischen Ex-Regierung wie Tarik Asis.

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