Politik : „Säuberungen“ in Russland

Elke Windisch[Moskau]

Es hätte ein schöner Abend werden sollen. Der 18-jährige Alexander Kulakow war mit seiner Freundin unterwegs in die Disko. Doch daraus wurde nichts: Etwa 40 Männer in Tarnkleidung mit schwarzen Gesichtsmasken hatten das Zentrum von Blagoweschtschensk, einer Stadt in der russischen Teilrepublik Baschkirien im Südural, hermetisch abgeriegelt. Omon, eine Elite-Einheit der russischen Polizei, spezialisiert auf Terrorismusbekämpfung, fahndete in Baschkirien und im benachbarten Tatarstan – beides Regionen mit vorwiegend muslimischer Bevölkerung – nach Mitgliedern verbotener islamistischer Organisationen.

Allein in Blagoweschtschensk wurden am 10. Dezember, dem internationalen Tag der Menschenrechte, hunderte junger Männer wahllos festgenommen. Auf der Straße, in Cafés und Spielsalons. Die Omon-Leute waren zunächst mitten in der Nacht in einer Disko aufgekreuzt und hatten alle Gäste verprügelt. Danach begannen Hausdurchsuchungen. Die Liste potenziell Verdächtiger hatte der Dorfpolizist zusammengestellt. Mädchen, so Augenzeugen, hätten sich vor der Polizeiwache nackt ausziehen müssen. Anschließend habe man sie in ein Zimmer im zweiten Stock gebracht und vergewaltigt.

Das baschkirische Innenministerium sprach von einer vorbeugenden Maßnahme. Was Opfer und Augenzeugen inzwischen Menschenrechtlern und Reportern kritischer Medien berichteten, ist jedoch so ungeheuerlich, dass Ältere sich an Stalins „Säuberungen“ Ende der Dreißiger erinnert fühlen. Auf der Polizeiwache, so erzählte Disko-Gänger Kulakow einem Reporter der „Nowaja Gaseta“, seien die Verhafteten mehrfach geschlagen und dann gezwungen worden, Blanko-Vernehmungsprotokolle zu unterschreiben. Aufsässige kamen zur „Sonderbehandlung“ in ein abgedunkeltes Zimmer, wo sie offenbar schwer misshandelt wurden. Eines der Opfer lag mehrere Tage auf der Intensivstation im Koma und bleibt zeitlebens schwer behindert. Das berichteten die behandelnden Ärzte, die nach Angaben der „Nowaja Gaseta“ über 300 Verletzte versorgen mussten.

Zwar erstatteten die Opfer inzwischen Anzeige, viele zogen sie jedoch wieder zurück. Beamte hatten sie ausdrücklich gewarnt: „Überlegen Sie sich das lieber noch mal. Menschenrechtler und Journalisten reisen wieder ab. Sie aber müssen hier leben.“

» Mehr lesen? Jetzt gratis Tagesspiegel testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben