Politik : Sag zum Abschied leise Servus (Leitartikel)

Christoph von Marschall

So gefährlich hatten sich die Soldaten den Frieden nicht vorgestellt. Mehrere Jahrzehnte hat die Bundeswehr der äußeren Bedrohung standgehalten, nach der Wende waren die "Innere Führung" und der "Staatsbürger in Uniform" sogar zu einem Exportschlager für die neuen Demokratien in Osteuropa geworden - und plötzlich soll sich alles ändern? Gewiss, die Zahl der Soldaten darf sinken, wenn keine Panzerarmeen im Osten mehr darauf lauern, die Bundesrepublik zu überrennen. Und auch Deutschland braucht schnell verlegbare Eingreiftruppen für internationale Befriedungseinsätze wie in Bosnien oder Kosovo. Aber muss deshalb gleich die Wehrpflicht fallen oder so ausgehöhlt werden, dass sie nur noch auf dem Papier besteht?

Da haben viele Bürger ihre Zweifel: rationale - und emotionale. Dass junge Männer zum Militär mussten, gehörte von 1956 an wieder so untrennbar zum deutschen Familienleben in West und von 1962 an in Ost wie die Pubertät, die ersten wilden Partys und der Wunsch, mit 18 den Führerschein zu machen. Das galt auch für die wachsende Zahl Zivildienstleistender im Westen. Vor dem so ausdrücklich genannten "Ersatzdienst" stand der Musterungsbescheid. Zwar haben die USA und Großbritannien die Wehrpflicht schon lange abgeschafft, und Frankreich zog vor drei Jahren nach. Aber müssen wir bewährte Institutionen entsorgen, nur weil das dem Zeitgeist entspricht?

Der Wehrdienst ist die Klammer zwischen Armee und Gesellschaft, das Militär soll nie wieder zum Staat im Staate werden. Die Wehrpflichtigen zwingen die Berufssoldaten, sich mit dem Denken der jungen Menschen auseinanderzusetzen. Und umgekehrt ist der Sohn, Enkel, Neffe oder Freund beim Bund die wichtigste Motivation für die Angehörigen, sich intensiv und immer wieder mit der Bundeswehr zu beschäftigen. Einer Berufsarmee, in der sie niemanden kennen, würden die meisten Bürger gleichgültig gegenüberstehen.

Die Wehrpflichtigen haben sich zudem als wertvollste Nachwuchsquelle erwiesen. Länder mit Berufsarmeen haben, das zeigt sich immer wieder, Probleme, qualifizierte Kandidaten zu werben. Nicht zuletzt wären viele soziale Dienste in Deutschland gefährdet, wenn die Wehrpflicht fiele. Denn an ihr hängt wie ein siamesischer Zwilling der Zivildienst. Ohne die Zivildienstleistenden aber würden Alten- und Pflegeheime, Kindergärten und andere gemeinnützige Einrichtungen nicht mehr so funktionieren wie heute. Doch rechtfertigen diese Gründe einen so schwerwiegenden Eingriff in das Leben eines jungen Menschen - dass der Staat ihm in einer entscheidenden Ausbildungs- und Orientierungsphase mehrere Monate wegnimmt? Als die Wehrpflicht 1956 wieder eingeführt wurde, waren die Freiheit der Bürger und das demokratische System bedroht. Wo ist heute diese existenzielle Gefahr, die den Wehrdienst erzwingt?

Für die Auslandseinsätze werden hochspezialisierte Berufssoldaten gebraucht, nicht Wehrpflichtige. Und die übrigen Ziele - Verankerung der Armee in der Gesellschaft, qualifizierter Offiziers-Nachwuchs, die Bedeutung der Zivis für die sozialen Dienste: Lassen sie sich nicht auch anders erreichen? 55 Jahre nach Kriegsende sind die Deutschen überzeugte Demokraten und haben keinen Grund, an der Loyalität der Bundeswehr zu diesem Staat zu zweifeln. Armee und Gesellschaft können sich vielfältig begegnen, auch ohne Wehrpflichtige. Es stimmt, die Nachwuchswerbung der Berufsarmee würde aufwendiger und teurer. Das aber reicht nicht als Begründung, um Jahr für Jahr in die Biographien Zehntausender einzugreifen.

Am schwersten würde der Verzicht auf die Wehrpflicht den Zivildienst treffen. Man kann die Stellen, die jetzt von Zivis besetzt sind, nicht einfach in Tarifarbeitsplätze umwandeln, denn die sozialen Dienste würden dadurch unbezahlbar werden. Aber warum nicht zu einem freiwilligen sozialen Jahr aufrufen? Oder, wenn man jungen Deutschen die Bereitschaft dazu nicht zutraut, warum nicht über eine Sozialdienst-Pflicht nachdenken? Es ist jedenfalls unredlich, einer Wehrpflicht das Wort zu reden, die dieses Land für seine Sicherheit nicht mehr braucht, nur weil man den zivilen Ersatzdienst nicht aufgeben will.

Deutschland muss die Wehrpflicht nicht gleich abschaffen. Es bleibt Zeit für vorsichtige Schritte: Zunächst die Zahl der Wehrpflichtigen drastisch reduzieren, wie das die Weizsäcker-Kommission vorschlägt, und bald ganz auf die Einberufung verzichten. Die Veränderungen, die der Frieden dem Land abverlangt, sind gar nicht so bedrohlich.

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