Salvador Allende : Denkpause zum 100. Geburtstag

Chile erinnert sich seines 1973 gestürzten Präsidenten Allende – zum ersten Mal diskutiert das Land öffentlich seine Vergangenheit.

Sandra Weiss

CaracasNeben Ernesto „Che“ Guevara ist er der zweite große Märtyrer der Linken in Lateinamerika: Salvador Allende, der chilenische Präsident, der nach seinem Sturz durch Augusto Pinochet 1973 Selbstmord beging. Dieses Jahr steht ganz im Zeichen beider Ikonen: Vor kurzem erst feierten „Ches“ Anhänger in Argentinien seinen 80. Geburtstag; am Donnerstag steht Allendes 100. Geburtstag bevor.

Auch in Chile, wo 35 Jahre nach dem Putsch die Sozialistin Michelle Bachelet regiert, sind viele Gedenkveranstaltungen geplant. Das ist nicht selbstverständlich, denn noch bis vor kurzem zogen es die Chilenen vor, das schmerzliche Kapitel des Allende-Sozialismus und den anschließenden Putsch aus ihrem Gedächtnis zu tilgen. Beide Ereignisse polarisierten die Gesellschaft. Erst seit kurzem – und das ist zweifellos ein Verdienst Bachelets und ihres ebenfalls sozialistischen Amtsvorgängers Ricardo Lagos – ist in der Öffentlichkeit eine Diskussion in Gang gekommen. Die Positionen sind kontrovers. So kritisierte kürzlich der ehemalige Richter Juan Guzman, der einst den Putsch unterstützt hatte, später aber den ersten Prozess gegen Pinochet führte, Chile sei sehr wenig auf dem Weg zur Demokratie vorangekommen. Noch immer sei die von Pinochet verabschiedete Verfassung gültig und die Justiz von Pinochet-Treuen durchsetzt. Chile sei heute ein stabiles, wirtschaftlich erfolgreiches Land auf dem richtigen Weg, meint dagegen der Autor Jorge Edwards, der Botschafter Allendes in Kuba war, sich aber mit Fidel Castro überwarf und von der Linken distanzierte.

Noch immer tun sich die Chilenen schwer damit, ihre jüngste Geschichte einzuordnen. Neben denen, die – wie Guzman und Edwards – persönliche Wandlungen durchgemacht haben, gibt es diejenigen, die gar nichts von früher wissen wollen und zwei antagonistische Blöcke: diejenigen – vor allem Militärs, Unternehmer und konservative Politiker – die im Putsch Pinochets bis heute eine Rettung vor dem aufziehenden Kommunismus sehen und ihn als Vater des neoliberalen Wirtschaftsmodells feiern. Und diejenigen, die links stehen und damals zu den Opfern der Militärdiktatur gehörten. Für sie war Allende ein Patriot, der für mehr Gerechtigkeit in Chile stand und durch eine brutale Verschwörung der chilenischen Elite mit dem US-Imperialismus daran gehindert wurde.

Längst haben sich Chiles Sozialisten dem neoliberalen Marktdiktat gebeugt, und selbst Bachelet, deren Vater von der Diktatur ermordet und die selbst gefoltert wurde, spricht von Aussöhnung und kümmert sich mehr um sozialdemokratische Marktkorrekturen als um ideologische Grundsätze. Auch Allende widerfährt – wie dem „Che“ – eine radikale Anpassungskur an die neue Zeit. „Meinem Vater ging es um soziale Gerechtigkeit in einer freien, pluralen Gesellschaft“, sagt seine Tochter Isabel Allende. Dass Chile einen Freihandelsvertrag mit den USA abgeschlossen hat und Bachelet mit den Christdemokraten regiert, die 1973 den Putsch unterstützten, sei kein Verrat an den Idealen ihres Vaters. „Wir haben aus der Geschichte und unseren Fehlern gelernt.“

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