Politik : Sand statt Wasser

Der Aral-See in Kasachstan trocknet aus. Die Folge: Zentralasien erlebt schon das vierte Dürrejahr hintereinander

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Von Elke Windisch, Moskau

Der Aral-See stirbt – und entwickelt sich allmählich zur Landmasse. Sand, bitterer Salzstaub und der Gluthauch der Wüste – das sind die traurigen Eindrücke von diesem See im Süden Kasachstans an der Grenze zu Usbekistan. Jedes Jahr wirbeln Stürme um die 20 Tonnen Salzstaub vom Boden des Aral-Sees auf die umliegenden Felder. Innerhalb eines einzigen Menschenalters, warnten Experten im Frühjahr auf einem internationalen Umweltforum in der usbekischen Hauptstadt Taschkent, könnte sich die Wüste zurückholen, was mehr als Hundert Generationen ihr in über viertausend Jahren Kulturkampf abtrotzten.

Der Aral-See, 1960 das viertgrößte Binnengewässer der Erde, war schon damals nur ein Schatten seiner selbst. Wahnwitzige Bewässerungspläne der Sowjets hatten den Pegel in dem Binnensee immer weiter sinken lassen. Vor 40 Jahren war der türkisfarbene See, von dem die Legende sagt, die Götter hätten ihn beim Spielen auf die Erde fallen lassen, schon um zwei Drittel geschrumpft. Spätestens im Jahr 2015, so lauteten damals die Prognosen, würde der Edelstein der Götter völlig von der Landkarte verschwinden. Und damit auch die Stadt Aralsk, die den n des Sees trägt.

Dieses Horror-Szenario ließ 50 000 Menschen zu Sand und Kies, Schippen und Eimern greifen, um das scheinbar Unabwendbare abzuwenden. Voller Spannung verfolgten sie, wie das Wasser zurückkehrte – jeden Tag ein kleines Stück. Bis 1999 in einer dunklen Septembernacht ein Sandsturm einen Damm einriss.

Nun will die Weltbank mit 64,5 Millionen Dollar einen Damm finanzieren, der auch wirklich Bestand hat. Kasachstan will außerdem auf eigene Kosten den Unterlauf des Flusses Syr-Darja ausbaggern, der langsam versandet, weil das benachbarte Usbekistan den Fluss Mitte der neunziger Jahre aufstaute, um eigene Wasserprobleme zu lösen. Angesichts leerer Kassen handelt es sich für die Politiker in der fernen Hauptstadt Astana um ein Mega-Projekt: Jährlich um die 73 Kubik-Kilometer Wasser sollen dem Aral über 20 Jahre lang zugeführt werden, damit der Wasserspiegel wieder auf das Niveau von 1960 steigt – 53 Meter.

Das Projekt kann die Katastrophe im besten Fall stoppen, aber nicht rückgängig machen. Der nördliche Aral-See ist viel zu klein, als dass sich über ihm wieder Regenwolken bilden könnten. Ganz Zentralasien – mit dem ebenfalls betroffenen Afghanistan so groß wie Europa – erlebt schon das vierte Dürrejahr in Folge. In ihrer Verzweiflung liebäugeln die Staatschefs der Region daher mit einem Projekt aus den achtziger Jahren: Zwei der größten Flüsse Sibiriens, die ins Eismeer münden, Ob und Irtysch, sollen die Richtung ändern und über einen 2000 Kilometer langen Kanal einen Teil ihrer Wassermassen an die Aral-Zuflüsse abgeben.

Sogar linientreue Sowjet-Wissenschaftler gingen damals auf die Barrikaden und warnten vor Langzeitfolgen mit unabsehbaren Konsequenzen für so empfindliche Ökosysteme wie Tundra und Taiga. Mehr noch: Auch die Randmeere des arktischen Ozeans würden über weite Strecken austrocknen, was globale Klimaveränderungen hervorrufen und weite Teile Sibiriens unbewohnbar machen könnte.

Die Blaupausen für den Wahnsinn liegen nach wie vor in den Giftschränken der über 150 Forschungsinstitute, die damals von Partei- und Staatsführung damit beauftragt wurden, Pläne für die Urbarmachung von viereinhalb Millionen Hektar Land zu entwickeln. Doch Neulandgewinnung in der Wüste ist dort längst kein Thema mehr.

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