Politik : Sarkozy als Oberlehrer

Rudolf Balmer

Paris - Nicolas Sarkozy hat sich am Montag direkt am Schulunterricht in Frankreich beteiligt – auf ungewöhnliche Weise. Der Staatspräsident wies alle Mittelschullehrer an, ihren Klassen den Abschiedsbrief eines 1941 hingerichteten 17-jährigen Widerstandskämpfers vorzulesen. Doch sein Wunsch war nicht allen Befehl. Eine Minderheit der Lehrer weigerte sich, der Aufforderung des Staatschefs Folge zu leisten, weil sie sich aus Prinzip jede politische Einmischung der Staatsführung in ihren Unterricht verbittet. Sie unterließ es deshalb, ihren Klassen zum 66. Todestag des 17-jährigen Widerstandskämpfers Guy Moquet den Abschiedsbrief vorzulesen, den dieser kurz vor seiner Hinrichtung an seine Eltern und seinen kleinen Bruder geschrieben hatte. Sarkozy dagegen hatte erklärt, er könne die Zeilen dieses Helden der „Résistance“ nicht lesen, ohne zutiefst gerührt zu sein. Den Mut dieses Pariser Mittelschülers, der am 15. Oktober 1941 beim Verteilen kommunistischer Flugblätter verhaftet und eine Woche später zusammen mit 21 anderen Widerstandskämpfern von Soldaten der deutschen Besatzungsmacht füsiliert worden war, möchte der französische Präsident als exemplarisch für die Jugend von heute verstanden haben. Sarkozy sieht in ihm vor allem einen beispielhaften Patrioten. Guy Moquet war aber auch ein junger Kommunist, der an seine politischen Ideale glaubte.

Um einer eventuellen politischen Instrumentalisierung vorzubeugen, lasen viele der „Professoren“ in den Mittelschulen und Gymnasien zwar diesen Text vor, stellten ihn aber in den historischen Kontext. Erziehungsminister Xavier Darcos, der in Périgueux persönlich die Lektüre des Briefs übernahm, stieß auf eine Gruppe empörter kommunistischer Veteranen: „Ihr (von der Regierung) zerstört alles, wofür Guy Moquet gekämpft hat. (Diese Feier) ist der Gipfel eurer Unverfrorenheit!“ Geradezu obszön fanden sie es, dass der mit Sarkozy befreundete Rugby- Nationaltrainer Bernard Laporte, der sein neues Regierungsamt als Sportstaatssekretär antrat, vor dem Anpfiff zum ersten Match des Rugby-Weltcups den Spielern vom Captain des Teams als Ansporn den fraglichen Brief von Moquet hatte vorlesen lassen.

Infrage gestellt wurde bei der Kontroverse auch, dass mit dieser von oben angeordneten Heldenfeier womöglich der Fanatismus von islamistischen Selbstmordterroristen gerechtfertigt werden könnte. Guy Moquets Biograf, Pierre- Louis Basse, versicherte im Fernsehen, der junge Freiheitskämpfer habe „das Leben geliebt“ und nicht den Tod gesucht. Unterschiedlich waren die Reaktionen der Mittelschüler, von denen die meisten vorher nie von Guy Moquet gehört hatten. In der Hauptstadt meinten einige nicht ohne Sarkasmus, sie wüssten nun wenigstens, warum es eine Metrostation mit diesem Namen gebe. Rudolf Balmer

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