• Sarkozy liefert Ex-Terroristin an Italien aus Gleichzeitig bietet Paris Farc-Rebellen Asyl an

Politik : Sarkozy liefert Ex-Terroristin an Italien aus Gleichzeitig bietet Paris Farc-Rebellen Asyl an

Paris - Präsident Nicolas Sarkozy hat mit der Bestätigung der Auslieferung der als Flüchtling in Frankreich lebenden früheren Rot-Brigadistin Marina Petrella an Italien eine Kontroverse ausgelöst. Bei seiner Ankündigung, die er am Rande des G-8-Gipfels in Japan nach einem Gespräch mit dem italienischen Premierminister Silvio Berlusconi machte, berief sich der Präsident zwar auf geltende europäische Abkommen über gegenseitige Rechtshilfe. Da er jedoch andererseits nach der Befreiung Ingrid Betancourts aus den Händen kolumbianischer Farc-Rebellen sein Angebot erneuerte, deren Kidnappern für die Freilassung weiterer Geiseln Asyl in Frankreich zu gewähren, wird ihm von der Opposition zweierlei Maß im Umgang mit Terroristen vorgeworfen. Irene Terrel, die Anwältin der 54-jährigen Italienerin, beschuldigte Sarkozy des „Zynismus“.

Marina Petrella gehört zu den ehemaligen Aktivisten der Roten Brigaden, denen der frühere sozialistische Präsident Francois Mitterrand unter der Bedingung des Endes der bewaffneten Gewalt die Aufnahme in Frankreich zugesagt hatte. Sie war nach ihrer Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord 1992 nach Frankreich geflohen, wo sie als Sozialarbeiterin bei Paris tätig wurde. Von Mitterrands Angebot hatten damals mehrere hundert Italiener Gebrauch gemacht. Sie waren teils nach ihrer Verurteilung geflohen, teils erst nach ihrer Flucht in Abwesenheit verurteilt worden. Sie lebten unter zwei Präsidenten und acht linken wie rechten Regierungen unbehelligt in Frankreich, bis Paris 2004 dem Drängen Roms nachgab und die „Mitterrand-Doktrin“ für ungültig erklärte. Die erste Auslieferung scheiterte jedoch. Der wegen Mordes gesuchte Ex-Brigadist Cesare Battisti, der nach seiner Flucht als Krimiautor Ruhm erlangt hatte, entkam nach Brasilien.

Marina Petrella befindet sich seit August in Auslieferungshaft. Nach Angaben ihrer Anwältin ist sie an einer lebensgefährlichen Depression erkrankt. Sie hat beim obersten Verwaltungsgericht Berufung gegen ihre Auslieferung eingelegt, über die noch nicht entschieden ist. Justizministerin Rachida Dati erklärte, solange die Berufung schwebe, würde Petrella nicht an Italien überstellt. Auf Appelle an Sarkozy, aus Rücksicht auf Petrellas Zustand von der Auslieferung abzusehen, sagte Sarkozy, er habe den italienischen Regierungschef Berlusconi gebeten, nach Petrellas Auslieferung ein Gnadengesuch für sie an den italienischen Präsidenten Giorgio Napolitano zu richten. Berlusconi habe zugesichert, sich entsprechend einzusetzen.

Die Roten Brigaden werden für fast 15 000 Anschläge in den 70er und 80er Jahren verantwortlich gemacht. In den „bleiernen Jahren“ kamen mehr als 400 Menschen bei Attentaten ums Leben.

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