Sarrazin-Äußerungen : Großbürgertum und kleines Denken

Die Äußerungen des früheren Berliner Senators Thilo Sarrazin über die Migranten der Stadt – für den Elitenforscher Michael Hartmann ist das mehr als der "Ausrutscher einer Person".

Andrea Dernbach

Die Äußerungen des früheren Berliner Senators Thilo Sarrazin über die Migranten der Stadt – für Michael Hartmann ist das mehr als der „Ausrutscher einer Person“. Hartmann, Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt, erforscht seit vielen Jahren die soziale Zusammensetzung und Mentalität der Eliten in Deutschland und Europa. Nach seiner Beobachtung drückt Sarrazin aus, „wie man dort denkt, ohne dass man dies auch so sagt“. Sarrazin sei „über Generationen tief im klassischen Bürgertum verwurzelt, der Vater Arzt aus alter Hugenottenfamilie, die Mutter Tochter eines westpreußischen Gutsbesitzers. Er kann sich sicher sein, dass dort mehrheitsfähig ist, was er sagt.“

Sarrazin hatte in seinem Interview mit der Kulturzeitschrift „Lettre“ weiten Teilen der türkisch- und arabischstämmigen Berliner Bevölkerung bescheinigt, sie sei aggressiv und primitiv-zurückgeblieben („atavistisch“) und jenseits des Obst- und Gemüsehandels ohne jede produktive Funktion. Nach Hartmanns Erkenntnissen sortiert sich in den Augen der „oberen zehn Prozent“ insgesamt die Gesellschaft nach einem ähnlichen  Modell: „Man sieht sich selbst oben, als Leistungsträger und misst dies am eigenen Steueraufkommen. Am unteren Ende der Gesellschaft steht das Drittel der sogenannten Sozialschmarotzer. Kurioserweise gelten in diesem Denken auch die Verursacher der Finanzkrise selbstverständlich als Leistungsträger, als gute Leute, die hart arbeiten.“

Zu einer Gefahr, sagt Hartmann, werde dieses Denken inzwischen dadurch, dass sich auch die politische Elite immer mehr aus dem Bürger- und Großbürgertum rekrutiere. Die letzte Bundesregierung habe da „einen richtigen Bruch“ markiert. „Wir hatten in Westdeutschland über ein halbes Jahrhundert hinweg kleinbürgerlich geprägte Bundesregierungen, ungefähr zwei Drittel der Minister und Staatssekretäre entstammten kleinbürgerlichen oder Arbeiterfamilien, ein knappes Drittel waren Bürgerliche. Großbürger wie von Weizsäcker waren selten – und in der Tagespolitik ja auch eher mäßig erfolgreich. Im letzten Kabinett Merkel gab es dagegen zunächst vier, nach dem Ausscheiden von Seehofer und Müntefering gerade noch zwei Arbeiterkinder, Ulla Schmidt und Frank-Walter Steinmeier, dafür einen historisch beispiellos hohen Anteil von  Großbürgern wie von der Leyen, de Maizière und Guttenberg.“ Unter Schwarz-Gelb werde sich der Trend wohl eher verstärken als abschwächen.

Das sei „eine dramatische Veränderung in nur einem Jahrzehnt“, sagt Hartmann. Während „der Starnberger See, Berlin-Dahlem und der Hochtaunuskreis“ früher in der Politik nicht tonangebend waren, sei nun auch die politische Elite auf dem Weg, sich genauso zu rekrutieren wie traditionell die Wirtschaftselite. Das habe Folgen für die „Strukturen der politischen Diskussion“: Größere Teile der Gesellschaft kämen nicht mehr in ihr vor, und es finde eine „Homogenität auch im Denken statt, in der Widerspruch und alternative Lösungen kaum mehr stattfinden können“. Das werde Folgen haben für die Bewältigung der aktuellen Krise: „Jetzt wird entschieden, wie die Kosten der Krise verteilt werden“, sagt Hartmann. „Und es ist höchst unwahrscheinlich, dass die, die entscheiden, sie zum größten Teil den eigenen Leuten aufbürden werden.“

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