Politik : Sarrazin will in der SPD bleiben Seine Vorschläge seien „sozialdemokratisch“

Berlin/Istanbul - Thilo Sarrazin hat auch in den eigenen Reihen viele Kritiker. Die Rufe nach einem Rauswurf des früheren Berliner Finanzsenators und heutigen Bundesbankvorstands werden immer lauter. Sarrazin selbst hält seine Vorschläge zur Integration muslimischer Zuwanderer dagegen für ur-sozialdemokratisch, wie er in einem Interview sagte. Deshalb lehnt er einen Parteiaustritt ab. Bei der Armutsbekämpfung entwerfe er ein Szenario, das den Arbeitslosen den Einstieg in die Arbeitswelt und sozialen Aufstieg ermöglichen solle. „Das ist sehr sozialdemokratisch“, sagte Sarrazin der „Welt am Sonntag“. In dem Gespräch legte er inhaltlich erneut nach und sprach vom „Genpool“ der europäischen Bevölkerung. „Die kulturelle Eigenart der Völker ist keine Legende, sondern bestimmt die Wirklichkeit Europas“, sagte der Banker. „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden.“ Muslime würden sich überall in Europa schlechter integrieren als andere Gruppen von Einwanderern. Die Gründe dafür lägen offenbar in der Kultur des Islam.

Der türkischen Zeitung „Hürriyet“ sagte Sarrazin wiederum, sein Problem seien nicht Türken oder Muslime, sondern Integrationsunwillige. Er wolle nicht, dass in Deutschland auf Dauer nationale Minderheiten und Parallelgesellschaften entstünden. In Leserzuschriften an türkische Internetmedien erhielt Sarrazin zwar viel Kritik, aber auch Unterstützung von Türken. Er selbst lebe als Türke in Berlin und müsse sagen, Sarrazin habe zu 95 Prozent recht, was Zuwanderer vom Balkan angehe, schrieb ein „Habertürk“-Leser.

Es sei möglich, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, ohne die eigene Identität und Nation zu verleugnen, sagte Sarrazin. So sollten Türken in Deutschland nicht nur türkische Fernsehsendungen anschauen, sondern auch den „Tatort“. Er selbst habe französische, italienische und britische Vorfahren und sei auch kein „vollblütiger“ Deutscher. Die türkischen Medien beobachten die deutsche Debatte über Sarrazin aufmerksam. In einigen Berichten wird der Bundesbanker als „Rassist“ bezeichnet oder mit dem niederländischen Rechtspolitiker und Islamgegner Geert Wilders verglichen. Türkische Politiker haben sich bisher aber nicht zu dem Thema geäußert.

Ein von Politikern der Linkspartei und der SPD initiiertes Bündnis gegen Rechtspopulismus hat für Montag zu einer Protestkundgebung gegen Sarrazin vor dem Berliner Haus der Bundespressekonferenz aufgerufen. sei/wvb./rtr

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