Politik : Saudi-Arabien: In der Zwickmühle

Andrea Nüsse

"Wir stehen an Deiner Seite, Amerika", hieß es in ganzseitigen Anzeigen in US-Tageszeitungen vergangene Woche. Auftraggeber war die saudi-arabische Botschaft in Washington. Doch diese Solidaritätsbekundungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Saudi-Arabien sich in einer Zwickmühle befindet. Denn obwohl es der engste Verbündete der USA in der arabischen Welt ist, hat das Regime jahrzehntelang islamistische Gruppen weltweit unterstützt. Die USA haben davor ebenso die Augen verschlossen wie vor den Menschenrechtsverletzungen im Königreich, die Amnesty International regelmäßig anprangert.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Saudi-Arabien verfolgt seit dem Zweiten Weltkrieg zwei Politikstränge, die unvereinbar sind. Einerseits ist das Land eine enge Allianz mit den USA eingegangen: "Saudisches Öl gegen amerikanischen Schutz" lautet die Devise dieser Allianz. Gleichzeitig basiert die saudische Identität auf der Kooperation des Stammes der Sauds und des puristischen Theologen Mohamad Ibn Abdel Wahhab im 18. Jahrhundert, der eine der restriktivsten Islamauslegungen vertreten hat. Als selbsternannte "Hüter der zwei heiligsten Stätten" des Islam, der Kaaba in Mekka und der Stadt Medina, muss das Königshaus stets seinen "islamischen Charakter" unter Beweis stellen. Daher hat Saudi-Arabien immer versucht, seine enge Zusammenarbeit mit den USA so unsichtbar wie möglich zu gestalten.

In Afghanistan konnten die Saudis diese Politik ausnahmsweise an der Seite der Amerikaner fortsetzen: Sie unterstützten die Mujaheddin und später die Taliban. Saudi-Arabien war denn auch eines von drei Ländern, die das radikale Taliban-Regime diplomatisch anerkannt haben. Erst nach zwei Jahrzehnten dieser "Islamisierung von unten" wurde Riad klar, dass diese die eigene Herrschaft bedroht. Die Stationierung Hundertausender nicht-muslimischer Soldaten auf dem Boden Saudi-Arabiens im Golfkrieg war für viele Muslime nicht tragbar, ebenso wenig dass seither etwa 6000 US-Soldaten dauerhaft in Saudi-Arabien stationiert sind.

Saudi-Arabien ist nach Ansicht der Islamisten vom Pfad des wahren Islam abgewichen. So hat unter anderem der ehemalige Zögling Osama bin Laden dem Regime den Kampf angesagt. Daher weigert sich Saudi-Arabien, den USA die Prinz-Sultan-Militärbasis für mögliche Angriffe auf Afghanistan zur Verfügung zu stellen. "Es ist unmöglich für Saudi-Arabien, an einer Miliäraktion gegen ein muslimisches Land teilzunehmen", sagte ein Beobachter in Riad. Die Bevölkerung habe sich zwar nach den Anschlägen in den USA mit Amerika solidarisch gezeigt, doch sie lehne Angriffe auf Afghanistan strikt ab. Auch hält Saudi-Arabien bisher an den diplomatischen Beziehungen zu den Taliban fest. Der Abbruch der Beziehungen soll jedoch noch am Sonntag oder Montag verkündet werden, erfuhr der Tagesspiegel aus gut unterrichteter Quelle.

Doch in Saudi-Arabien hatte nicht nur die Regierung lang Osama bin Laden unterstützt. Bis heute erfreut sich bin Laden als ehemaliger Vorkämpfer des "Jihad" in Afghanistan in Saudi-Arabien großer Popularität und wurde von privaten Stiftungen und Geschäftsleuten finanziell unterstützt. Auf diese Stimmung muss die Regierung in Riad Rücksicht nehmen.

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