Saudi-Arabien : Rochaden in Riad

Der greise saudische König Abdallah verordnet seinem Land eine stille Revolution. Das sollte westlichen Demokratie-Exporteuren zu denken geben

Michael Thumann

Saudi-Arabien – das ist für viele im Westen Inbegriff von Unbeweglichkeit, Sinnbild der Undurchschaubarkeit, Hort der islamischen Reaktion. Stimmt das Bild noch? König Abdallah bin Abdul-Aziz hat, obschon selbst über 80 Jahre alt, eine grundstürzende Verjüngung in führenden staatlichen Positionen durchgesetzt. Es ist die größte Regierungsreform seit zwei Jahrzehnten.

Doch damit nicht genug: In einem Land, in dem für Frauen absolutes Verhüllungsgebot und Lenkverbot am Steuer besteht, setzt der Reformerkönig zum ersten Mal eine Frau als Ministerin ein. Da staunte die Männerwelt am Golf nicht schlecht.

Es ist aber auch an der Zeit, dass der Westen ein wenig staunt. Denn diese Reform ist ganz ohne westliche Zeigefinger und gutgemeinten Druck über Saudi-Arabien gekommen. Und darin liegt ihre weitreichende Bedeutung.

Nora bint Abdullah al-Fajes, die neue Vizeministerin für Erziehung und künftige Alleinverantwortliche für die Frauenausbildung, ist kein privilegierter Sprössling der weitverzweigten Königsfamilie. Die Reformerin ist in einer Mittelstandsfamilie im Nadsch aufgewachsen, der konservativen Gegend um Riad. In der Hauptstadt studierte sie Soziologie, rundete später ihre Studien im US-Bundesstaat Utah ab. Die Mutter von fünf Kindern arbeitete erst als Lehrerin, dann zog es sie ins Erziehungsmanagement von Privatschulen, schließlich staatlicher Einrichtungen.

Zeitungen bildeten ihr unverhülltes Foto ab, was sich nicht schickt für saudische Frauen. Die Hohepriester der Reaktion heulten auf. Nora al-Fajes sagte lediglich, sie wisse nicht, woher das Foto komme. Damit legte sie den Miniskandal ad acta.

Das alles zeigt: Für die konservativen Betongießer in Saudi-Arabien brechen schwere Zeiten an. König Abdallah hat eine ganze Reihe ihrer Bastionen geschleift. Der höchste Richter musste gehen, jener Mann, der vor Kurzem anregte, Eigentümer "unmoralischer" Satelliten-TV-Programme zu erschießen. Der Führer der Schura, des saudischen Prototypen eines Parlaments, wurde durch einen Jüngeren ersetzt. Eine ganze Reihe von halbgreisen Abgeordneten musste das hohe Gremium verlassen. Ebenso wurden der Kultur- und Informationsminister, der Gesundheitsminister, der Chef der Zentralbank, der Justizminister und vor allem der Befehlshaber der berüchtigten Religionspolizei in Rente geschickt. Neue, jüngere Vertraute Abdallahs übernehmen.

Das Auffällige an den Rochaden in Riad ist, dass sie weder als bluttriefende Revolution noch als Umsetzung einer dringenden Empfehlung aus Washington daher kommen. Sie sind vielmehr ein weiterer eigenständiger Schritt von König Abdallah, der seit seiner endgültigen Machtübernahme 2005 still und beharrlich daran arbeitet, des versteinerten Establishments im Ölstaat aufzuweichen.

Saudi-Arabien ist sicher keine Demokratie und Abdallah ein ungewählter Regent. Doch das Etikett "arabischer Diktator“ passt schlecht auf den lebensklugen Mann, der seinem Volk zuhört wie kaum einer seiner Vorgänger. Zum Beispiel auf seinen Reisen durchs Land, in den Madschlis genannten Versammlungen mit Stammesoberhäuptern oder einfachen Bürgern. Nun setzt er um, was er aus den Gesprächen mitgenommen hat.

Natürlich ist das nicht demokratisch, aber eben auch nicht diktatorisch. Hier liegt die aufschlussreiche Lehre für westliche Demokratisierer. Nach dem 11. September wurde das Demokratiedefizit der arabischen Welt zu Recht als Brutherd des Radikalismus erkannt. Also machten sich westliche Think Tanks, NGOs und einige Regierungen daran, die arabischen Staaten aktiv zu bekehren, zu maßregeln und Demokratie einzufordern.

Das kam schlecht an, weil es nach westlicher Zwangsbeglückung ähnlich der Kolonisierung des Mittleren Ostens nach dem Ersten Weltkrieg aussah. Einige arabische Staaten veranstalteten widerwillig Wahlen, hängten kosmetische Reformen in die Fenster gen Westen. Als der amerikanische Druck 2006 nachließ, drehten manche Regime sofort wieder in die Repression ab. Bestes Beispiel ist Ägypten, wo Oppositionelle verhaftet und Wahlen frisiert wurden. Der Anschlag im Touristenviertel von Kairo zeigte gerade erst wieder, dass dies die chronische Instabilität nicht beseitigt.

Saudi-Arabien liefert nun das Gegenbeispiel. Die stolzen, steinreichen Wüstenherrscher hatten sich aus den westlichen Ratschlägen ohnehin nicht so viel gemacht. König Abdallah hat stattdessen seinen eigenen Reformweg gewählt, sein eigenes Tempo, mit der ihm eigenen Ausdauer. Man möchte ihm noch viele kraftvolle Jahre wünschen.

Quelle: ZEIT ONLINE

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