Saudi-Arabien : Terroristen-Rehabilitation: Auf die sanfte Tour

Sie bekommen ein Auto, eine Ehefrau, ein Portemonnaie und zwei Paar Schuhe. Saudi-Arabien versucht, Guantánamo-Rückkehrer wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Ein Besuch im einzigen Terroristen-Rehabilitationszentrum der Welt.

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Zurück aus der Hölle. Ehemalige saudische Guantánomo-Häftlinge und ihre Betreuer in der Reha beim Abendgebet. -Foto: Katharina Eglau

Ahmed Said Zuhair schmeckt es wieder. Genüsslich löffelt Nummer 669 die Tomatensuppe mit Hammelfleisch und Okraschoten, die Obstschale mit Bananen und Äpfeln auf dem runden Kantinentisch bereits im Auge. 669, das sagt er immer noch als Erstes, wenn er sich jemandem vorstellt. 669, das war seine Nummer in Guantánamo. Siebeneinhalb Jahre hat der 45-Jährige dort gesessen, mehr als die Hälfte dieser Zeit war er im Hungerstreik. Eine Anklage wurde nie erhoben. Als er 2009 schließlich nach Saudi-Arabien entlassen wurde, wog er nach vier Jahren fensterloser Zelle in Camp 6 noch ganze 49 Kilo. „Ich hatte den Geschmack von Essen total vergessen“, sagt er.

Der US-Geheimdienst hielt ihn zunächst für einen der Drahtzieher des Attentats auf das Schlachtschiff USS Cole im Jahr 2000 im Hafen der jemenitischen Stadt Aden, bei dem 17 Matrosen ums Leben kamen. Zuhair dagegen beteuert, er habe vor dem Krieg in Afghanistan in der pakistanischen Stadt Lahore als Kleinhändler gearbeitet und sei von Pakistanis für 5000 Dollar an die Amerikaner verkauft worden – wie offenbar auch eine ganze Reihe weiterer Saudis. Drei Frauen und zehn Kinder hat der gelernte Elektriker, eine lebt in Saudi-Arabien, die beiden anderen in Bosnien und in Pakistan. Heute wiegt er 73 Kilo und träumt davon, in seiner Heimatstadt Dschidda einen kleinen Laden aufzumachen, wo auch seine Eltern und Geschwister leben.

Ahmed Said Zuhair ist einer der saudischen Guantánamo-Heimkehrer, die momentan im Rehabilitationscamp 30 Kilometer vor den Toren der Hauptstadt Riyadh auf ihre Rückkehr in die Gesellschaft vorbereitet werden. Auf Kuba bildeten die Saudis zusammen mit den Jemeniten das größte Kontingent. Nach und nach wurden sie in den letzten beiden Jahren von Saudi Airlines per Jumbojet abgeholt, der Sonderflug für die letzten zehn steht noch aus. „Das hier ist kein Heldenempfang“, heißt es auf einem Video: Scheich Ahmed Hamad Jelan begrüßt die weiß gekleideten Passagiere nach der Landung über das Bordmikrofon. Zugleich versichert er ihnen, er heiße „im Namen der Polizei, der Ärzte und des Flughafenpersonals“ alle herzlich willkommen. „Unsere Söhne sind zurück in Saudi-Arabien. Wir sind glücklich, dass ihr heimgekommen seid.“

Ahmed Hamad Jelan ist der Chef im „Mohammed bin Nayef Zentrum für Beratung, Behandlung und Betreuung“, wie das Rehabilitationsinstitut offiziell heißt. Der 38-Jährige hat die Ausstrahlung eines bayerischen Dorfpfarrers, gutmütig, wohlbeleibt und mit stets freundlichen Augen. Er ist Spezialist im Scharia-Recht und darüber hinaus berechtigt, wie seine Visitenkarte ausweist, Hochzeitspaare zu trauen. 120 ehemalige saudische Guantánamo-Insassen sowie 173 saudische Al-Qaida-Kämpfer, die meist nebenan im Irak gefasst wurden, sind bisher durch seine Hände gegangen. „Wir wollen alles vermeiden, was nach Gefängnis aussieht. Wir fragen auch nicht, was die Leute angestellt haben“, sagt er. Das sei Aufgabe der Justiz, nicht der hier arbeitenden Geistlichen, Sozialarbeiter und Psychologen.

Dennoch sichern gestaffelte rot-weiße Betonbarrieren die Zufahrt zum „Ressort“, wie alle die Einrichtung nennen. Die drei Meter hohen Mauern der früheren Wüsten-Datschen sind teilweise mit Stacheldraht gekrönt. Zehn von ihnen hat die Regierung angemietet, jede hat im Inneren eine Handvoll einfacher Zimmer zum Übernachten, in der Mitte einen kleinen Sportplatz, Sitzflächen unter Palmen, manche auch ein Schwimmbad oder Volleyballfeld. Seit drei Jahren tummeln sich hier nicht mehr Kinder mit ihren Eltern und Großeltern, die am Wochenende aus dem Gewühl der Hauptstadt entkommen wollen. Jetzt wohnen in jedem der Räume drei bis vier ehemalige Gefangene, in anderen stehen Schulbänke, Tischfußball oder ein paar einfache Sessel mit einem Fernseher.

In der Welt des Anti-Terrorkampfes ist dieses provisorische Reha-Zentrum längst zur Vorzeigeadresse geworden. Aus allen arabischen Ländern waren schon Experten hier, selbst aus Malaysia und Indonesien, um Scheich Ahmed und seinen 30 Mitarbeitern bei ihrem sogenannten „weichen Ansatz“ über die Schulter zu schauen. „Um diese Leute zu entradikalisieren, müssen wir ihr Vertrauen gewinnen und ihnen helfen, ihr Leben wieder auf die Reihe zu kriegen“, erläutert Abdulraham Al Hadlaq die Leitidee. Er hat sich weltweit einen Namen gemacht als Vordenker einer sanften Resozialisierung von Terroristen.

Bereits Anfang der 90er Jahre lebte er in Ägypten mit radikalen Muslimen zusammen und studierte deren Ansichten. Seine Doktorarbeit 1994 an der US-Universität von Idaho schrieb er zum Thema „Politische Gewalt bei islamistischen Gruppen“. Seit vier Jahren ist Hadlaq nun Chef der Abteilung „ideologische Sicherheit“ an der König-Fahd-Akademie, die jeder saudische Polizeioffizier durchlaufen muss. 700 Lebensläufe militanter Häftlinge hat er analysiert, um zu ergründen, welche jungen Männer besonders anfällig sind für die radikalen Werber von Al Qaida. Meist stammen die Rekrutierten aus extrem großen Familien, haben keinen vernünftigen Beruf und ein eher dürftiges religiöses Wissen.

Und so sind es die Faktoren Familie, religiöse Aufklärung und Berufshilfen, auf denen das von ihm entwickelte Programm basiert. „Jeder Aussteiger wird verheiratet, bekommt ein Auto, und seine Sippe muss künftig auf ihn aufpassen“, umschreibt ein westlicher Diplomat etwas burschikos die Eckpunkte des Konzepts. Tatsächlich lassen sich in der vom Stammesdenken geprägten Gesellschaft viele Familien bereitwillig mit einspannen. Bahnt sich bei einem wieder Ärger an, melden sie das sofort dem Reha-Personal oder der Polizei – etwa wenn plötzlich ein Geldkuvert mit Absender „von deinen Mudschaheddin-Brüdern“ unter der Haustüre liegt.

„Wir stehen in direkter Konkurrenz zu Al Qaida, wenn wir nicht zahlen, machen sie es“, heißt es dann auch im Innenministerium. Entsprechend weich wird der Neustart ins Leben gepolstert. Eine Woche lang dürfen die Familienclans auf Staatskosten anreisen. Jeder Ex-Kämpfer erhält einen Koffer mit Hemden, Hosen und zwei Paar Schuhen. Selbst eine Dose mit Gesichtscreme, ein Portemonnaie und eine Armbanduhr gehören zum offiziellen Startset ins neue Leben. Am Ende kauft der Staat jedem Entlassenen eine komplette Wohnungseinrichtung. Obendrauf kommen ein Jahr Miete sowie eine monatliche Sozialhilfe von 550 Euro, bis der Rückkehrer Arbeit gefunden hat. Will der Reumütige heiraten, steuert das Königreich 7000 Euro als Mitgift bei.

Abdul Hakim Bukhari will künftig in seiner Heimatstadt Taif als Taxifahrer arbeiten, erzählt er, während er unablässig mit seiner Gebetskette klimpert. In Guantánamo war er Nummer 493. Sechs Jahre und drei Monate saß der 58-Jährige hinter Gittern – obwohl er nur ein kleiner Händler für afghanische Teppiche war, wie er behauptet. „Hier im Zentrum habe ich die Kraft wiedergefunden, nach all den Jahren doch noch einmal ein neues Leben zu beginnen“, sagt er, während Scheich Ahmed und seine Crew dankbar nicken.

Mit zum Team gehört auch Ali Abdullah Alafnan, Professor für Psychologie, der jede Woche für Einzelgespräche ins Zentrum kommt und einen Kurs mit dem Titel „Zehn Schritte zu positivem Denken“ anbietet. „Wir waren sehr überrascht, wie minderwertig sich diese Leute fühlen. Früher haben sie sich aufgespielt wie die Elite des Islam, die über Leben und Tod entscheidet.“ In Wirklichkeit aber hätten die ehemaligen Al-Qaida-Kämpfer oft ein geringes Selbstbewusstsein und wollten sich mit ihren Taten endlich Anerkennung verschaffen.

Seelischen Rat suchen sie vor allem wegen ihrer Eheprobleme. Ihre Frauen und Kinder haben sie oft sechs oder acht Jahre nicht mehr gesehen, sind ihnen entfremdet oder haben sich scheiden lassen. Neben dieser individuellen Lebensberatung gibt es auch ein hartes ideologisches Pflichtprogramm – die Scharia-Kurse. Man wolle niemanden umdrehen oder Gehirnwäsche betreiben, beteuern die Geistlichen. Ihr Unterricht dreht sich vor allem um zwei Themen: Dschihad und Takfir, die ideologischen Kernpunkte in der Auseinandersetzung mit Al Qaida. Dschihad – was ist das richtige Verständnis im Koran? Takfir – warum darf man Muslime und Andersgläubige nicht einfach töten, wenn man sie für Gotteslästerer hält?

„Genau die gleiche Auseinandersetzung findet auch in den Chatrooms im Internet statt“, sagt Abdulraham Hadlaq. In seiner Abteilung „ideologische Sicherheit“ an der König-Fahd-Akademie arbeiten inzwischen über 200 Leute, die Tag und Nacht im arabischen Netz unterwegs sind, um „gegen die Extremisten zu argumentieren“. Manchmal heuere man ehemalige Radikale an, „die den Jargon ihrer früheren Kollegen besser beherrschen“. Das Rehabilitationszentrum nennt er schlicht „eine Art Investition. Das Ganze kostet uns Millionen, aber das Geld ist gut angelegt“ – auch wenn die Rückfallzahlen bei den Guantánamo-Häftlingen Anlass zur Sorge geben. Elf sind bisher wieder zu Al Qaida zurückgekehrt und haben sich wahrscheinlich in den Jemen abgesetzt. Fünf weitere wurden wieder verhaftet, fünf sind untergetaucht. Damit liegt die Quote knapp unter 20 Prozent – immer noch um Längen besser als in jeder amerikanischen Haftanstalt, sagt Hadlaq. „Sichere Aussagen über den Erfolg unseres Programms aber wird man erst in einigen Jahren machen können.“

Zu vorschnellem Optimismus jedenfalls sieht er keinen Anlass. So ist in saudischen Zeitungen zu lesen, dass bis zu zwei Millionen Menschen im Land mit Al Qaida sympathisieren und 10 000 sofort zum Kämpfen bereit wären – und zwar aus allen Schichten der Bevölkerung. Wie die Führung des Königreiches die Dimension des Problems langfristig einschätzt, lässt sich an dem Ausbau des Gefängniswesens ablesen. „In kürzester Zeit“ habe man fünf spezielle Vollzugsanstalten für 5000 militante Islamisten aus dem Boden gestampft, heißt es in der Hauptstadt. Auch das provisorische Terror-Reha-Camp mit seiner Kapazität von 100 Insassen soll bald ersetzt werden durch fünf feste Zentren in allen Teilen des Landes. Abdulraham Hadlaq hat die fertigen Baupläne bereits auf seinem Computer.

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