Saudi-Arabiens erste Chefredakteurin : Erster Riss in der gläsernen Decke

Somayya Jabarti, die erste Chefredakteurin ihres Landes, über absurde Widersprüche und zaghafte Zeichen des Wandels in ihrer Gesellschaft.

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Kämpft mit Worten. "Der Wandel in Saudi-Arabien ist zu langsam und zu gering", sagt Somayya Jabarti, erste Chefredakteurin ihres Landes.
Kämpft mit Worten. "Der Wandel in Saudi-Arabien ist zu langsam und zu gering", sagt Somayya Jabarti, erste Chefredakteurin ihres...Foto: Katharina Eglau

James Bond hätte das wohl kaum besser gekonnt. Mit göttlichem Furor hechtete der fromme Moralwächter vom Autodach auf seinen Kontrahenten. Dessen Frau in schwarzer Abaya versuchte verzweifelt, den Wüstling zurückzuschlagen, bis Umstehende dazwischen gingen. Ganze neun Sekunden dauert das wackelige Handyvideo dieser skurrilen Stuntszene der saudischen Religionspolizei. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine verworrene Parkplatzrangelei, bewegte anschließend tagelang das gesamte Königreich. Fast jeder in Saudi-Arabien kennt jetzt das Ehepaar aus Riad, den zum Islam konvertierten Briten Peter und seine Frau Abeer. „Abeer, ich bin an deiner Seite“ twitterten tausende junger Frauen. Andere verspotteten den Täter als „fliegenden Haia“, wie die Religionspolizei im Volksmund heißt.

„Die Leute haben die Nase gestrichen voll von solchem Benehmen. So etwas schadet nur unserem Land“, schimpft Somayya Jabarti. Sie weiß, wovon sie spricht. Die 44-Jährige hat viel von der Welt gesehen und ist seit gut sechs Monaten die erste weibliche Chefredakteurin in der Geschichte Saudi-Arabiens. In ihrer Zeitung „Saudi Gazette“ ließ sie den bizarren Zwischenfall prominent auf Seite eins platzieren, den außerhalb Saudi-Arabiens, geschweige denn im Rest der Welt, eigentlich niemand kapiert.

Ein kleiner Schritt. Erst seit kurzem dürfen durch Dekret von König Abdullah Frauen als Verkäuferinnen arbeiten. Das stößt nicht nur auf Zustimmung.
Ein kleiner Schritt. Erst seit kurzem dürfen durch Dekret von König Abdullah Frauen als Verkäuferinnen arbeiten. Das stößt nicht...Foto: Katharina Eglau

Der Attackierte hatte in einem Danube-Supermarkt nicht bei einem Kassierer, sondern einer Kassiererin bezahlt, die erst seit kurzem durch Dekret von König Abdullah überhaupt dort arbeiten dürfen. Für die drei beteiligten Zeloten der Schariapolizei war das ein unerhörter Kontakt der Geschlechter zwischen Nicht-Verheirateten. Eine ganze Stunde musste sich das Ehepaar nach der Attacke in seinem Auto verbarrikadieren, die Polizei weigerte sich einzugreifen, bis schließlich Sicherheitskräfte der britischen Botschaft im gepanzerten Jeep sie aus den Klauen der religiösen Eiferer befreiten.

„Der Wandel in Saudi-Arabien ist zu langsam und zu gering“, kritisiert Somayya Jabarti, die zu den ganz wenigen Vorzeigefrauen des Königreichs gehört. „Viel mehr muss sich ändern, sonst nehmen die Menschen die Dinge selbst in die Hand.“ Und tatsächlich, der Zeitungs- und Twittersturm zeigte Wirkung. Zwei Tage später erlebte der Scharia-feste Gottesstaat sein kleines Wunder. Die allmächtige Religionspolizei musste sich öffentlich entschuldigen für den Kampfsprung ihres übereifrigen Aufsehers, das erste Mal seit Jahrzehnten, dass Allahs Sittenwächter eine so spektakuläre Niederlage erlitten.

Denn spätestens seit dem Auftauchen der ISIS-Barbaren im Nachbarland Irak wollen viele Saudis dem Treiben der ultrakonservativen Fundamentalisten auf der Arabischen Halbinsel nicht mehr länger tatenlos und eingeschüchtert zuschauen. Die Emire und Monarchen der Golfstaaten mit Saudi-Arabien an der Spitze wirken angesichts der Bestialität und Dynamik der Gotteskrieger ratlos und gelähmt. Ihre Untertanen dagegen debattieren so offen wie noch nie zuvor, ob nicht etwas grundsätzlich schief gelaufen ist mit der Rolle von Religion in ihrer Gesellschaft.

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