Sauerland-Prozess : Angeklagte wussten von Ermittlungen

Die Sauerland-Gruppe wusste aus Medienberichten, dass gegen sie ermittelt wurde. Das sagte ein Ermittler im Prozess gegen die mutmaßlichen Terroristen aus.

DüsseldorfDie Angeklagten hätten in den Medien gelesen, dass die Behörden Hinweise verfolgen, wonach die Islamische Dschihad Union (IJU) Anschläge in Deutschland plane und dass verdächtige Code-Wörter in E-Mails abgefangen worden seien.

Ihre Vorbereitungen für die geplanten Anschläge habe die Gruppe nicht gestoppt, berichtete der BKA-Chefermittler als Zeuge vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht. Allerdings habe Fritz G. sein Auto nach Peilsendern oder Wanzen untersucht. Und die Islamisten hätten ihr Kommunikationsverhalten dahingehend geändert, dass nur noch Adem Y. mit den IJU-Führern "Sul" und "Jaf" in Iran und Pakistan per E-Mail Kontakt aufgenommen habe. Zuvor hätten die Männer mögliche Sicherheitslücken erörtert.

Das Verhalten des mutmaßlichen Rädelsführers G. bezeichnete der Zeuge als "konspirativ". 212 Mal habe G. in Telefonläden mit der IJU per Mail kommuniziert. Dafür habe er 68 verschiedene Shops in zwölf verschiedenen Städten aufgesucht und vor Betreten der Läden versucht, mögliche Verfolger abzuschütteln. Die E-Mails seien meist nicht verschickt worden: Sender und Empfänger hätten sich in das gleiche E-Mail-Konto eingeloggt und ihre Nachrichten dort als Entwürfe gespeichert.

Zuvor hatten die Verteidiger vergeblich versucht, die Aussage des BKA-Ermittlers zu verhindern und ein Verwertungsverbot für alle
zentralen Beweismittel beantragt. Sie argumentierten, das Ermittlungsverfahren sei auf Grundlage illegal erlangter Geheimdienst-Informationen der USA eingeleitet worden. Das Gericht wies die Anträge jedoch zurück.

Bundesanwalt Volker Brinkmann räumte ein, dass geheimdienstliche Erkenntnisse "eine Rolle gespielt" hätten. Sie seien aber in der Gesamtschau nicht entscheidend gewesen. Dass die Geheimdienste sich illegaler Praktiken bedient hätten, sei eine bloße Vermutung. "Es war Gefahr im Verzug. Das hat auch der Ermittlungsrichter so gesehen." Von einer Totalüberwachung könne nicht die Rede sein.

Zum Beginn des dritten Prozesstages war der angeklagte Adem Y. vom Verfahren wegen wiederholter Störungen ausgeschlossen
worden. "Ich möchte zurück in meine Zelle", rief er zu Verhandlungsbeginn. Bereits vergangene Woche hatte das Oberlandesgericht zwei Wochen Ordnungshaft gegen ihn wegen ungebührlichen Verhaltens verhängt. Jetzt kam eine weitere Woche hinzu, weil er erneut beim Eintritt des Senats sitzengeblieben war.

Der Prozess ist eines der größten Terrorverfahren in der Geschichte der Bundesrepublik. Angeklagt sind die zum Islam konvertierten Deutschen Fritz G. (29) und Daniel S. (23), der Türke Adem Y. (30) sowie der türkischstämmige Atilla S. (24). Den vier Männern wird die Vorbereitung verheerender Autobomben-Anschläge in deutschen Großstädten und Zugehörigkeit zur Terrorgruppe Islamische Dschihad-Union (IJU) vorgeworfen. (sp/dpa)

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