Sauerland-Prozess : "Es hätte ein ungeheures Blutbad gegeben"

Im größten Terrorprozess nach dem Ende der Roten Armee Fraktion hat das Oberlandesgericht Düsseldorf hohe Strafen verhängt. Die vier Angeklagten der sogenannten Sauerland-Gruppe müssen für lange Zeit hinter Gittern.

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Fritz G., einer der Hauptangeklagten im Sauerland-Prozess, am Tag der Urteilsverkündung. -Foto: ddp

Der 6. Strafsenat des Oberlandesgericht Düsseldorf verurteilte die vier Angeklagten der islamistischen Sauerlandgruppe zu Haft zwischen fünf und zwölf Jahren. Die Gruppe wollte in Deutschland mit Autobomben zahlreiche Amerikaner töten. Hätten die Männer verwirklicht, was sie im Auftrag der usbekischen Terrororganisation Islamic Jihad Union (IJU) planten, „hätte es ein ungeheures Blutbad gegeben mit einer unübersehbaren Vielzahl von Toten und Verletzten vornehmlich unter US-amerikanischen Armeeangehörigen“. Dies sagte der Vorsitzende Richter, Ottmar Breidling, in der Urteilsbegründung. Auch amerikanische und deutsche Zivilisten wären unter den Opfern gewesen.

Der Anführer der Sauerlandgruppe, der deutsche Konvertit Fritz Gelowicz (30), muss für zwölf Jahre hinter Gitter. Das Gericht listete mehrere Straftaten auf: Mitgliedschaft in der ausländischen Terrorvereinigung IJU, Verabredung zu Mord, Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, Nötigung von Verfassungsorganen sowie Vorbereitung eines Explosionsverbrechens. Der Türke Adem Yilmaz (31) erhielt wegen derselben Delikte elf Jahre Haft.

Daniel Schneider (24), der zweite deutsche Konvertit in der Gruppe, wurde auch zu zwölf Jahren verurteilt. In seinem Fall kam noch versuchter Mord hinzu. Als die Polizei am 4. September 2007 ihn, Gelowicz und Yilmaz im sauerländischen Medebach-Oberschledorn festnahm, versuchte Schneider zu fliehen. Dabei entriss er einem Polizisten die Waffe und schoss auf den Beamten, der unverletzt blieb.

Der vierte Angeklagte, der Deutschtürke Atilla Selek (25), hatte von der Türkei aus Zünder für die geplanten Sprengsätze besorgt. Der Strafsenat hielt ihn allerdings nur der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung sowie der Vorbereitung eines Explosionsverbrechens für schuldig - er bekam fünf Jahren Haft.

Alle Angeklagten hatten im vergangenen Jahr umfassend gestanden - die Protokolle füllten mehr als 1700 Seiten. Damit konnte der im April 2009 gestartete Prozess deutlich abgekürzt werden. Die Geständnisse hielt der Strafsenat den Islamisten zugute. Doch „bei diesem Ausmaß des Tatgeschehens“ und der kriminellen Energie habe das Gericht „nichts zu verschenken“, sagte Breidling. Gelowicz, Yilmaz und Schneider hatten größere Mengen Wasserstoffperoxid besorgt und Anfang September 2007 in einer Ferienwohnung in Medebach-Oberschledorn versucht, daraus einen Explosionsstoff herzustellen. Das scheiterte, weil die Polizei schon frühzeitig das Wasserstoffperoxid in einer Geheimoperation gegen eine ungefährliche Lösung ausgetauscht hatte. Nach einem Hinweis eines US-Nachrichtendienstes hatten die deutschen Sicherheitsbehörden die Gruppe über Monate hinweg beobachtet.

Die Vertreter der Bundesanwaltschaft zeigten sich mit dem Richterspruch, der weitgehend ihrem Plädoyer entsprach, sehr zufrieden. Daniel Schneider, Adem Yilmaz und Atilla Selek nahmen das Urteil an, das damit rechtskräftig wurde. Fritz Gelowicz hingegen wollte noch überlegen, ob er Revision einlegt. Im Oktober 2009 hatte das Oberlandesgericht Frankfurt/Main bereits zwei Islamisten aus dem Umfeld der Sauerlandgruppe wegen Unterstützung der IJU zu Haftstrafen zwischen 14 Monaten und zwei Jahren und neun Monaten verurteilt.

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