Sauerland-Prozess : Richter Zweifellos

Hart, kompromisslos, nüchtern - Ottmar Breidling ist das Gesicht des Rechtsstaats im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus. Und er genießt selbst bei Angeklagten Respekt. So wie jetzt bei seinem größten Prozess: Nun sprach er im Verfahren gegen die Sauerlandgruppe das Urteil.

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Ottmar Breidling -Foto: dpa

Er ist klein, man sieht ihn kaum hinter dem aufgeklappten Laptop. Mehr als 100 Zuhörer und Prozessbeteiligte blicken am Donnerstag auf den Mann, der beinahe mechanisch ein Urteil erklärt, das in die Kriminalgeschichte der Bundesrepublik eingehen wird. Ottmar Breidling erklärt, „dass wir es mit einem ungeheuren Tatgeschehen zu tun haben“, kein Innehalten, der Ton bleibt nüchtern, „und zwar der Verabredung zu Sprengstoffanschlägen mit dem Ziel der Tötung von mindestens 150 amerikanischen Militärangehörigen“, kein Punkt, keine Pause, „einen Anschlag von einem solchen Ausmaß hat es in Deutschland noch nie gegeben und auch nicht die Verabredung zu einem solchen Anschlag“. Die Stimme ist unverändert geschäftsmäßig. Als rede ein leicht näselnder Roboter. In der Robe des Vorsitzenden Richters des 6. Strafsenats am Oberlandesgericht Düsseldorf.

Der strikte Verzicht auf bebende Töne und hörbares Luftholen steigert noch die Wucht der schaurigen Worte. Die Coolness lädt das Drama auf, in passender Kulisse. Eine große hohe Halle im Hochsicherheitsbunker des Oberlandesgerichts, auf dem Dach können Hubschrauber landen. Viel Beton, große Trennscheiben, endlose Regale mit Aktenordnern. Nur durch schießschartenartige Fenster ist etwas Himmel zu sehen. Der moderne deutsche Rechtsstaat inszeniert sich ohne Prunk, ohne Pathos, selbst die gewollte Scheußlichkeit des Justizmonstrums in Stammheim ist überwunden. In Düsseldorf ist der Beton mild gestrichen, hellgrau. Ratio statt Rache. Im Kampf gegen den monströs irrationalen Terrorismus. Den letzten Akt im Prozess gegen die vier jungen Terroristen der Sauerlandgruppe, die mit Autobomben einen zweites 9/11 anrichten wollten, hätte Stanley Kubrick inszeniert haben können.

Auch das Urteil kündet von kühler Härte: Zwölf Jahre für Fritz Gelowicz, den Anführer der Sauerlandgruppe, der am letzten Tag des Prozesses gelangweilt blickt und manchmal den Kopf schüttelt. Obwohl er drei Jahre weniger bekommen hat als die mögliche Höchststrafe, weil Gelowicz wie seine Kumpane alles gestanden hat, was zu gestehen war. So wie Daniel Schneider, der bei der spektakulären Festnahme im September 2007 im sauerländischen Medebach-Oberschledorn beinahe einen Polizisten erschossen hätte. Zwölf Jahre auch für Schneider. Als Breidling das Urteil begründet, blickt Schneider starr vor sich hin, zupft an seinem Bart. Er ist in diesem Prozess ein anderer geworden. Wie vielleicht auch Atilla Selek, der aus der Türkei die meist kaum brauchbaren Zünder für die Sprengsätze besorgt hatte und jetzt mit fünf Jahren Haft davon kommt. Selek hält lange die rechte Hand ans Kinn und blickt stumm auf Breidling. Der vierte Mann, Adem Yilmaz, kommentiert elf Jahre Haft mit Grinsen. Der Türke dreht sich zu Gelowicz, hält die Hände vor die Augen, er kaspert wie seit Beginn des Prozesses. Yilmaz will das alles nicht hören, was Breidling sagt. Aber er muss. Keine Eskapaden möglich. Dieser Richter lässt bis zur letzten Sekunde nicht den geringsten Zweifel zu, die Verhandlung unter Kontrolle zu haben und sich keinerlei Respektlosigkeit bieten zu lassen.

Ottmar Breidling würde sicher bestreiten, er trete hier als Hauptdarsteller auf. Doch spätestens seit diesem Prozess ist der Vorsitzende Richter des 6. Strafsenats das Gesicht des Rechtsstaats im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus. Das haben die Angeklagten gespürt und sie haben sich, wenn auch widerwillig, dieser Autorität gebeugt. Anfang Juni 2009, der Prozess war erst sechs Wochen alt, hat Adem Yilmaz kapituliert. Der Türke mit dem wilden schwarzen Vollbart, der zu Beginn der Hauptverhandlung den Rebellen mimte und sich weigerte, die Häkelmütze abzunehmen und dafür von Breidling mit mehreren Tagen Haft bestraft wurde, sah plötzlich ein: Der Richter sei „ein richtiger Profi“. Im Gefängnis in Wupertal sagte er seiner Familie, Breidling habe den Prozess im Griff und sei so gut vorbereitet, dass ein hartes Urteil zu befürchten sei, „die volle Packung“. Breidling hatte gleich am Anfang den vier Angeklagten eine harte Ansage verpasst: Strafrabatt sei nur zu erwarten, wenn ehrlich und umfassend gestanden werde, „mit ungezinkten Karten“.

Als Yilmaz einknickte, gaben auch die anderen auf. Fritz Gelowicz, der Kopf der Gruppe, berichtete in den Vernehmungen beim Bundeskriminalamt, für die der Prozess wochenlang unterbrochen wurde, detailliert über die geplanten Anschläge. Über die Reise zur Islamischen Dschihad Union in Wasiristan, über den Auftrag zum Anschlag in Deutschland, über den Kauf der Fässer mit Wasserstoffperoxid, über den Hass auf Amerikaner. Die anderen taten es dem Anführer gleich. Der größte Terrorprozess in Deutschland seit dem Ende der Roten Armee Fraktion nahm eine nahezu unglaubliche Wende. Bei einem anderen Vorsitzenden Richter wäre das kaum denkbar gewesen. Und dann, wie eine letzte Bestätigung, nehmen Adem Yilmaz, Daniel Schneider und Atilla Selek das Urteil des 6. Strafsenats noch im Gerichtssaal an.

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