Politik : Sauerland und kurze Sätze – Müntefering ist 65

Stephan-Andreas Casdorff

Berlin - Da wechselte der Parteivorsitz der großen, alten Sozialdemokratie, und er hatte Tränen in den Augen – nein, nicht Franz Müntefering, sondern Gerhard Schröder. Müntefering stand neben ihm, ein Gesicht wie aus Stein gehauen. „Der Franz, der kann’s“, hatte Schröder vorher gekalauert, auch um sich seiner Rührung zu begeben. Der Franz hat nur geschaut. Dass er es kann, glaubt er schon selber. Von mitunter stoischem Gemüt ist er, und er kultiviert das. Sauerländer zu sein, das ist ihm Schutz, Klischee, hinter dem er sich verstecken kann. Aber seine Klugheit im Umgang mit Menschen und ihren Eitelkeiten lässt sich nicht verdecken.

„Ich kann nur kurze Sätze“, sagt er kurz; aber er kann auch anders. Nur wer die Dinge durchdrungen hat, kann sie auf Begriffe bringen, hat der große Politologe Eschenburg gesagt. Müntefering hat kein Hochschulstudium, aber hat viele wichtige Denker studiert und Bücher gelesen, von denen die anderen immer nur reden. In der Partei ist Müntefering zum Inbegriff von Solidität und der Rückgewinnung von Bewegungsfreiheit geworden. Mit ihm werden nur Chancen, nicht Risiken verbunden. Letzteres war nicht immer so; ausgerechnet in Nordrhein-Westfalen fanden viele die Zeit mit ihm verteufelt schwierig. Inzwischen ist er allerdings der Sozialdemokrat schlechthin, die verkörperte Tradition, derjenige, der weiß, das etwas wichtiger ist als er selbst, wie weiland Rudolf Scharping sagte. „Münte“ wird Kult, zumindest in der SPD. Aber nicht wegen seines Haarschnitts aus den Siebzigern, sondern weil er die politische Kultur in der Partei prägt. Auch der Trend wird allmählich wieder zum Genossen: Die SPD hat es unter Müntefering von 23 auf 35 Prozent gebracht. Und wenn sie die nächste Wahl doch gewinnen sollte – dann ist Willy nicht mehr die einzige Ikone der SPD.

Heute wird Franz Müntefering 65.

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