Schadstofflimit für Neuwagen : Welche Konsequenzen haben die EU-Abgasobergrenzen?

Die EU will die Abgasobergrenzen für Neuwagen nun doch später einführen als geplant. Welche Folgen hat das?

Dagmar Dehmer[Thomas Gack],Henrik Mortsiefer
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Die ersten Folgen dieses Kompromisses werden vor allem die Verbraucher beim Autokauf zu spüren bekommen. „500 bis 1000 Euro mehr müssen einkalkuliert werden“, sagt Willi Diez, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft. Grund dafür sind neue Grenzwerte für den Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2), auf die sich die EU-Mitgliedstaaten geeinigt haben. Die Klimaauflagen für EU-Neuwagen sehen vor, dass von 2012 bis 2015 schrittweise Grenzwerte für den CO2-Ausstoß eingehalten werden müssen. Die Obergrenze soll von derzeit knapp 160 Gramm je Kilometer ab 2012 auf 120 Gramm sinken. Im ersten Jahr müssen 65 Prozent der Neuwagenflotte eines Herstellers die Norm erfüllen, im zweiten Jahr 75, im dritten 80 und 2015 schließlich 100 Prozent. Ursprünglich sollte das 120-Gramm-Limit bereits im Jahr 2012 erreicht werden. Noch ist der Kompromiss nicht beschlossen, eine Zustimmung des EU-Parlaments Mitte Dezember gilt aber als sicher.

Was bedeutet der Kompromiss für die EU-Klimaziele?

Der Kompromiss ist ein Signal an den seit Montag und bis zum 12. Dezember in Posen tagenden UN-Klimagipfel, dass es die EU womöglich doch nicht mehr so ernst meint mit einem entschlossenen Klimaschutz. Die Umweltorganisation WWF weist darauf hin, dass die nun geplanten Kohlendioxid-Grenzwerte für Autos auch ohne eine Regulierung erreicht worden wären. Nach einer WWF-Berechnung dürfte der durchschnittliche CO2-Ausstoß pro Kilometer 2012 bei 154 Gramm pro Kilometer liegen. Außerdem vergingen noch einmal mehrere Jahre, bis dieser Grenzwert auch bei den tatsächlich gefahrenen Autos auf der Straße ankommt. Für das Klima ist der Kompromiss somit ziemlich schädlich.

Wie sehen die Details der Neuregelung aus?

Die Obergrenze von 120 Gramm soll nicht linear für alle Autos gelten. Großen Fahrzeugen werden höhere Abgaswerte zugebilligt, kleine Fahrzeuge müssen deutlich schärfere Abgaswerte als 120 Gramm pro Kilometer einhalten. Sogenannte Nischenanbieter, die weniger als 300 000 Fahrzeuge im Jahr bauen, werden außerdem von der allgemeinen EU- Regelung ausgenommen. Aston-Martin, Ferrari, Lamborghini, Bugatti und auch Porsche werden zum Beispiel technisch nicht in der Lage sein, ihre muskulösen Sportwagen unter die allgemeine Obergrenze zu bringen. Stattdessen wurde festgelegt, dass sie den CO2-Ausstoß ihrer Sportwagen bis 2012 im Vergleich zu 2007 um 25 Prozent senken müssen.

Eine Einigung gibt es auch über die Höhe der Strafzahlungen, wenn ein Massenhersteller die Limits nicht einhält. Wer nur geringfügig die Obergrenzen überschreitet, muss zunächst noch mit einer milden Strafe rechnen. Für ein Gramm CO2 zu viel werden von 2012 an nur fünf Euro fällig, für zwei Gramm 15 Euro, für drei Gramm 25 Euro. Erst ab vier Gramm Schadstoffe zu viel wird die Buße richtig teuer: Dann werden 95 Euro je Gramm fällig. Diese Regelung soll jedoch nur bis 2019 gelten. Danach wird jedes Gramm, das über der dann festgelegten Obergrenze liegt, den Hersteller 95 Euro pro Auto kosten. „CO2-Schleudern werden auf diese Weise vom Markt verschwinden“, hofft die CSU-Industriepolitikerin Angela Niebler.

Was hat sich im Vergleich zum ursprünglichen Vorschlag der Kommission geändert?

EU-Parlament, Regierungen und EU- Kommission sind der Autoindustrie weit entgegengekommen. Gegenüber dem ursprünglichen Vorschlag der Kommission sieht der Kompromiss jetzt eine allmähliche, stufenweise Einführung der Umweltauflagen vor, die den Autoherstellern mehr Zeit für die technische Entwicklung spritsparender und umweltfreundlicherer Fahrzeuge gibt. Umweltkommissar Stavros Dimas hatte ursprünglich schon für 2012 die Senkung des maximal zulässigen CO2-Ausstoßes auf 120 Gramm gefordert. Außerdem muss die Reduzierung der Klimakiller nicht allein durch die neue Motorentechnik erreicht werden. Auch durch bessere Reifen, Getriebe und sogenannte Ökoinnovationen wie Solardächer oder sparsame Klimaanlagen kann die Belastung durch Treibhausgase auf den Straßen gesenkt werden. Die Ökoinnovationen könnten mit sieben Gramm pro Kilometer angerechnet werden. Alles eingerechnet, könnte dann für Motoren zunächst eine Obergrenze von 130 Gramm pro Kilometer bleiben.

Welche Folgen hat das für die deutsche Autoindustrie?

Glaubt man der Deutschen Umwelthilfe (DUH), können sich die deutschen Autobauer entspannen. Der Brüsseler Beschluss erlaube bis 2012 wegen der Übergangsfristen, der pauschalen Anrechnung von Ökoinnovationen, Biospritgutschriften sowie anderer Schlupflöcher sogar noch eine Zunahme des durchschnittlichen Spritverbrauchs sowie der CO2-Emissionen. „Es ist ein Danaergeschenk an die Autohersteller, die nun vier weitere Jahre übermotorisierte und schwergewichtige Fahrzeuge auf den Markt zu bringen“, sagte DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. Auch der Verband der Deutschen Autoindustrie nannte den in Brüssel gefundenen Kompromiss lediglich eine „Herausforderung“ für deutsche Hersteller und Zulieferer. Letztere sind wichtig, weil sie nicht nur Einzelteile herstellen, sondern ganze Komponenten – etwa Motoren. „Die neuen Auflagen sind eine Erleichterung für deutsche Hersteller“, glaubt Autoexperte Diez. „120 Gramm CO2 bis 2012 hätte kein deutscher Autobauer geschafft.“ Da die Premiumhersteller ihre Modellpalette „nach unten ausbauen“, also kleine, verbrauchsarme Fahrzeuge ins Programm nähmen, seien die EU-Vorgaben zu schaffen. „Das ist für alle finanziell beherrschbar und für niemanden existenzbedrohend“, sagte Diez.

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