Politik : „Schätzen und schützen wir die Freiheit!“

Bundespräsident Christian Wulff ruft dazu auf, das Fremde in der heutigen Welt auszuhalten

An der Gedenkstätte. Besucher sehen sich am 50. Jahrestag des Mauerbaus Fotos von Todesopfern an, die bei der Flucht von Ost nach West ums Leben kamen. Foto: Clemens Bilan/dapd
An der Gedenkstätte. Besucher sehen sich am 50. Jahrestag des Mauerbaus Fotos von Todesopfern an, die bei der Flucht von Ost nach...Foto: dapd

Bundespräsident Christian Wulff hat am Sonnabend auf der zentralen Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag des Mauerbaus in Berlin eine Rede gehalten. Aus diesem Anlass dokumentiert der Tagesspiegel Auszüge aus Wulffs Ansprache in der Gedenkstätte Bernauer Straße:

„Wir erinnern heute an einen verhängnisvollen Tag der deutschen Geschichte. Und zugleich ist es ein Glück – ein sehr seltenes –, dass wir in der Erinnerung an diesen Tag wissen: Die Geschichte ist glücklich ausgegangen! Das war nicht unbedingt zu erwarten. Und das haben irgendwann auch nicht mehr viele erwartet. (...)

Die Mauer richtete sich für alle sichtbar gegen das eigene Volk. Sie war Ausdruck der Angst vor dem eigenen Volk. Die Weltlage, deren Symbol diese Mauer war, schien für viele unabänderlich. Aber einmal mehr hat sich gezeigt: Am Ende ist die Freiheit unbesiegbar. Keine Mauer widersteht dauerhaft dem Willen zur Freiheit. Die Gewalt der wenigen hat keinen Bestand gegen den Freiheitsdrang der vielen. (...) Die Bürger der DDR haben dann in jenen Revolutionstagen 1989 heldenhaften Mut bewiesen. Es konnte keinen Zweifel an der Entschlossenheit der aufmarschierten Sicherheitskräfte in Leipzig und anderswo geben, die Bewegung niederzuschlagen. Doch es triumphierte die Liebe der Menschen zur Freiheit.

Nie in den Jahrzehnten der Teilung konnte diese Liebe zur Freiheit ganz unterdrückt werden.

Da waren die vielen Menschen, die aus Freiheitssehnsucht unter Todesgefahr die Flucht über die Mauer und die innerdeutsche Grenze wagten.

Da waren die Männer und Frauen, die in kleinen Kreisen Veränderung diskutierten. Es waren sehr oft Christen, die sich nicht abfanden mit den Zuständen. Es waren Pfarrer und Gemeinden, die Schutz und Raum boten für politische Gespräche und Gebete. Daran möchte ich erinnern, gerade in einer Zeit, in der nicht wenige Kirche und Religion ins Private zurückdrängen wollen. (...)

Zur Wahrheit gehört aber auch: Viele, allzu viele, hatten sich abgefunden mit Teilung und Mauer.

Viel Verständnis verdienen die Ostdeutschen, die vor der Alternative standen, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren oder Tod und Gefängnis zu riskieren. Wo immer das ging, zog man sich zurück in die Nischen des Privaten. Das war Leben – und das waren oft eindrucksvolle Lebensleistungen – unter den Bedingungen eines Unrechtsstaats. Beschämend dagegen eine um sich greifende Gleichgültigkeit in Westdeutschland. Hier herrschte ein gerüttelt Maß an intellektueller und moralischer Bequemlichkeit. Unrecht von links empörte weniger als Unrecht von rechts. Die Sandinisten in Nicaragua fanden mehr Anteilnahme als die ostdeutschen Bürgerrechtler. Viele gewöhnten sich an die Mauer, viele verharmlosten sie. (...)

Unser Land schuldet den Bürgerinnen und Bürgern der DDR bleibende Dankbarkeit. Ermutigt durch Gorbatschows Glasnost und Perestroika und die Veränderungen in Polen und Ungarn haben sie die Teilung des Kontinents überwunden und aller Welt gezeigt, welche Kraft der einzelne Wille zur Freiheit entfaltet, wenn er sich mit vielen anderen zusammentut. Das Menschenrecht der Freiheit selbst erkämpft zu haben – das ist das große Geschenk der Deutschen aus der DDR an die Geschichte unseres Landes. Die Erinnerung an das Unrecht der Mauer mahnt uns, in der Welt diejenigen nicht allein zu lassen, die für Freiheit, Demokratie und Bürgerrechte kämpfen. Und sie verlangt von uns, dafür zu sorgen, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Wir müssen erinnern und vor allem aufklären. (...)

Mittel und Wege der Machtausübung in diesem StaatDER DDR] waren verbrecherisch, das ist zu vielen Deutschen nicht bewusst. Es wird verklärt und verharmlost, nicht nur im Osten, nicht nur von Tätern. (...)

Das Ende der Geschichte der Mauer kann uns Mut machen: Denn die Geschichte dieses Endes haben Menschen geschrieben. Die Mauer fiel nicht – sie wurde umgestürzt.

Wir können Veränderungen erreichen. Streben wir deshalb zuversichtlich nach noch mehr wirklicher Freiheit in unserem wiedervereinigten Land. Das heißt heute vor allem: Jedem die Möglichkeit, sich frei zu entfalten! Wir müssen die zu uns Gekommenen besser integrieren und für alle in unserer Gesellschaft noch mehr Entfaltungschancen schaffen. Mehr aus sich zu machen, muss tatsächlich allen möglich sein. (...)

Die Erinnerung an die Leben erstickende Mauer mahnt uns, die Offenheit unserer heutigen Welt und die Präsenz des Fremden in ihr auszuhalten, auch wenn es häufig anstrengend sein mag. Offenheit und die Bereitschaft einer Gesellschaft, sich zu verändern, werden belohnt. All das erfordert Mut. Aber wir haben keinen Anlass, davor zu erschrecken. Wir Deutsche haben diesen Mut seit 1945 vielfach bewiesen. (...)

Schätzen und schützen wir die Freiheit, die wir haben!“

Aufgezeichnet von Andreas Maisch.

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