Politik : Scharping: Wir sollten uns das nicht ersparen

ROBERT BIRNBAUM

BONN .Es gibt Momente, in denen Rudolf Scharping heftig wird.Zum Beispiel, wenn jemand an der Wahrheit jener Schreckensmeldungen aus dem Kosovo zweifelt, die der Verteidigungsminister Tag um Tag verkündet: Tausende Tote, Hunderttausende Vertriebene, Willkür, Mißhandlungen, Mord.Ob denn der Fragesteller es wirklich für ein Propagandainstrument halte, wenn eine Albanerin mit einem verdursteten Kind über die Grenze nach Mazedonien komme? Wenn eine 60jährige Bäuerin berichte, daß ihre zwei Söhne neben ihr erschossen worden seien? Die Bundesregierung bescheinigt den Berichten geflohener Kosovo-Albaner über die Zustände in ihrem Land hohe Glaubwürdigkeit: Scharping zeigt am Montag das Video, das ein Amateurfilmer der britischen BBC übergeben hat und das augenscheinlich die Opfer eines Massakers im Kosovo zeigt.Am gleichen Tag präsentiert das Auswärtige Amt sechs kosovo-albanische Journalisten, Künstler und Politiker, die eine Bundeswehrmaschine aus Mazedonien nach Deutschland gebracht hat, damit sie über ihre Flucht aus Pristina berichten können.Auf welches Mißtrauen solche Aktionen stoßen können, ist den Beteiligten bewußt: "Ich lege großen Wert darauf, daß dies keine Propagandaveranstaltung ist", sagt Außenamts-Staatssekretär Wolfgang Ischinger."Wir wollen Transparenz."

Transparenz ist schwer zu bekommen.Baton Haxhiu ist das lebende Beispiel dafür: Vor einer Woche landete in deutschen Redaktionen eine Mitteilung des "European Balkan Institute", der Chefredakteur der Tageszeitung "Kota Dihore" sei exekutiert worden.Aber Haxhiu war nur in Pristina untergetaucht.Er hat unerkannt in der Menge seiner Landsleute überlebt, getarnt als normaler Bürger: "Ich habe ein Kind an die Hand genommen, damit sie mich für einen Familienvater halten."

Was er und seine Freunde beschreiben, sind nicht spektakuläre Greueltaten, sondern ein Vorgang, den der Herausgeber der Wochenzeitschrift "Zeri", Blerim Shala, einen "Exodus biblischen Ausmaßes" nennt: Die Vertreibung aller Albaner aus der Stadt."Pristina ist jetzt leer", sagt Haxhiu.Nur die Jeeps der Sonderpolizei patrouillierten durch die Straßen, betrunkene Uniformierte schössen in die Luft.

Die Berichte der Sechs gleichen sich: Die Sonderpolizei sei von Haus zu Haus gegangen, habe die Türen eingetreten, in die Luft geschossen und die Bewohner auf die Straße gejagt.Ein riesiger Strom von Menschen sei so, begleitet von Bewaffneten, zum Bahnhof getrieben worden."Der Bahnhof hat vorher nicht mehr funktioniert", sagt Bukurije Gjonbalaj, die als Dolmetscherin in Rambouillet war.Jetzt funktioniert er: Die Menschen werden in einen Zug getrieben, Familien verlieren einander aus den Augen, in nächtlicher Fahrt rollt der Transport zur mazedonischen Grenze.Andere Flüchtlinge bringt die serbische Polizei mit Lastwagen und Bussen fort: "Eine schrecklich gute Organisation" bescheinigt Haxhiu den Serben."Albaner gehören nach Albanien", hätten die Uniformierten ihnen nachgerufen.

Was wenig später Scharping auf der Hardthöhe zeigt, ist anders und schlimmer: Verwackelte Bilder, ein Gehöft, irgendwo im Hintergrund kräht ein Hahn.Auf dem Boden liegen zusammengekrümmte Gestalten, bei manchen glaubt man Einschußlöcher zu erkennen; eine Leiche ist halb verkohlt.Ein Kosovo-Albaner hat das Video aus dem Land geschmuggelt."Ich denke, wir sollten uns das alle nicht ersparen.Und wir sollten es auch der Öffentlichkeit in Deutschland nicht ersparen", kommentiert Scharping die Bilder.Der Minister wirkt von Tag zu Tag zorniger."Es gibt schreckliche Beispiele für das, was hier geschieht", sagt er.Die Bundesregierung bemüht sich inzwischen aktiv um Informationen, läßt Flüchtlinge befragen, sammelt Indizien.Mindestens 20 Gastfamilien von OSZE-Beobachtern, sagt Scharping, seien ermordet worden.Und es gebe "leider belegte Beispiele", daß noch die Leichen von Ermordeten mit Baseballschlägern zertrümmert würden: "Ich mache keinen Hehl daraus, daß die Brutalität und Wucht dieser Mordmaschine für mich unvorstellbar war."

Aus solchen Berichten zieht Scharping, zieht die Bundesregierung die Legitimation dafür, daß der Krieg gegen Slobodan Milosevic und seine Truppen im Zweifel noch wochenlang weitergehen müsse.Daß die NATO die humanitäre Katastrophe erst herbeigebombt habe, ist eine These, die Scharping nicht gelten läßt: Die Vertreibung sei seit Januar im Gange.Jetzt setzen die Militärs darauf, daß das zunehmend bessere Flugwetter es ihnen erlaubt, die Vertreibungen vielleicht doch noch zu stoppen.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben