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Schein und Sein : Bundespräsident und Kanzlerin demonstrieren Normalität

Beim Neujahrsempfang trafen sich Bundespräsident und Bundeskanzlerin. Und alle waren gespannt. Wie stehen die Zeichen für Christian Wulff?

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Christian Wulff sorgt auch nach seinem Rücktritt immer wieder für Schlagzeilen: zum Beispiel wenn es um sein Ehrensold oder das Büro mit Mitarbeitern geht.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dpa
04.03.2012 21:00Christian Wulff sorgt auch nach seinem Rücktritt immer wieder für Schlagzeilen: zum Beispiel wenn es um sein Ehrensold oder das...

Nie war das öffentliche Interesse an einem Neujahrsempfang des Bundespräsidenten so groß wie diesmal. War doch dieser Termin im Schloss Bellevue das erste offizielle Zusammentreffen von Christian Wulff mit der Bundeskanzlerin seit Beginn der Affäre um seinen Privatkredit.

Wie stark überschattete die Affäre um den Bundespräsidenten den Neujahrsempfang?

Fast muss man die rund 90 ehrenamtlich engagierten Bürger bedauern, die der Bundespräsident in diesem Jahr geladen hatte: Eigentlich sollte im Bellevue vor allem ihr Einsatz für die Allgemeinheit gewürdigt werden. Doch der für einen Neujahrsempfang ungewöhnlich heftige Ansturm der Journalisten machte deutlich: An diesem Donnerstag standen nicht Sozial- oder Integrationsprojekte im Mittelpunkt des Medieninteresses, sondern der angeschlagene Bundespräsident und sein Versuch, mitten in der Krise Normalität in der Amtsführung zu demonstrieren. Es ging auch um das erste Treffen der Kanzlerin mit dem von ihr auserkorenen Staatsoberhaupt, seitdem Christian Wulffs Verhalten aus der Kreditaffäre auch noch eine Medienaffäre gemacht hat.

Lächeln, Händeschütteln, Smalltalk – äußerlich läuft das Defilee der rund 250 Gäste aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik nach strengem Protokoll nicht anders ab als in normalen Zeiten. Wer genau hinsieht, kann in den Mienen von Christian und Bettina Wulff hinter dem Dauerlächeln die Zeichen der Anspannung nach harten Wochen erkennen.

Auch jedem Gast, vor allem denen aus der Politik, ist bewusst, dass das Staatsoberhaupt jetzt auf der Probe steht. Manche scherzen gar mit schwarzem Humor im Vorraum, womöglich erwarte sie gleich eines der letzten Fotos mit Staatsoberhaupt Wulff. Beim Empfang der Bürger hinterher sind viele Meinungen zu hören: Alle sind sie stolz, dass ihr Projekt vom Präsidenten gewürdigt wird – aber bei weitem nicht alle wollen, dass Wulff auch im Amt bleibt. Eine sozial engagierte Frau aus Niedersachsen hat sich vor ihrer Abreise nach Berlin zu Hause sogar fragen lassen müssen: „Da willst du doch nicht etwa hinfahren?“

Als CSU-Chef Horst Seehofer die Veranstaltung verlässt, sagt er zu den Journalisten: „Heuer hab’ ich Wert darauf gelegt, dass ich da bin.“ Denn jeder, der in dieser Situation dem Routinetermin fernbleibt, gibt ein Signal der Distanz zum Präsidenten oder zumindest ein Signal der Kritik. Ganz bewusst haben die Korruptionsbekämpfer von „Tranparency International“ und der Deutsche Journalistenverband darauf verzichtet, dem Präsidenten die Hand zu reichen – und das auch öffentlich begründet. Auffällig an diesem Donnerstag ist auch: Von den Grünen ist weder ein Vorstandsmitglied noch ein Vertreter der Bundestagsfraktion gekommen. Und auch SPD-Chef Sigmar Gabriel und sein Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier glänzen durch Abwesenheit. Die Sozialdemokraten sind unter anderem durch den Mainzer Ministerpräsidenten Kurt Beck, Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse und Fraktionsvize Gernot Erler vertreten.

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