Politik : Schießen und Haschisch rauchen

Sabine Heimgärtner

In seinem Fernseh-Werbespot sitzt Jean Saint-Josse mitten in der Natur. Im Hintergrund schmettern Jagdhörner, zu deren Klängen der Tierarzt fordert: "Abschuss frei für Wiesel, Marder und Iltisse." Die "kleine Wachtel", wie der 58-Jährige in den Medien genannt wird, gehört zur Gruppe der 14 "kleinen Kandidaten", die sich bemühen, den beiden "Großen", Amtsinhaber Jacques Chirac und Premierminister Lionel Jospin, Stimmen wegzuschnappen. Dabei geht es ihm, wie auch den anderen, nicht um den ersten Platz im Staate, sondern um möglichst viel Einfluss auf die nach der Präsidentenkür stattfindenden Parlamentswahlen.

Seine Chancen bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am 21. April stehen gut. Die traditionelle Landbevölkerung, aber auch passionierte Naturliebhaber aus den Städten drängen in seine Wahlveranstaltungen. 1999, bei den Europawahlen, holte der Südfranzose für seine Jäger zwei Millionen Stimmen, knapp sieben Prozent. Diesmal schweben ihm "mindestens 1,5 Millionen" Stimmen vor.

Ähnlich optimistisch schauen die anderen "Kleinen" auf den ersten Wahlgang. Laut Umfragen neigen 40 Prozent der Wähler zur Enthaltung oder zur Protestwahl, was vor allem den Kandidaten links außen und rechts außen zugute kommt. Zum Beispiel dem rechtsextremistischen Chef der Nationalen Front, Jean-Marie Le Pen. Er könnte bei dieser Wahl von der erbitterten Debatte über die drastisch gestiegene Gewalt und Kriminalität in Frankreich profitieren. Vollmundig verkündete der 73-Jährige, mit ihm werde es 200 000 neue Gefängnisplätze geben. Wer Le Pen kennt, weiß, dass diese unter seinem Einfluss wohl vor allem für Ausländer reserviert wären.

Am entgegengesetzten Ende der politischen Spannbreite wartet die Trotzkistin Laguiller. Weil sie zum Uralt-Inventar gehört, die 62-Jährige geht zum fünften Mal ins Präsidentschafts-Rennen, wird sie kumpelhaft beim Vornamen genannt: "Arlette". Der Kandidatin von der Partei Arbeiterkampf (Lutte Ouvriere) werden beste Chancen eingeräumt. Wie ein Magnet zieht sie die Wähler an, die vom sozialistisch-kommunistisch-grünen Regierungsbündnis unter Lionel Jospin enttäuscht sind.

Zu Hilfe kamen ihr dabei zwei Konkurrenten, die ebenfalls auf der trotzkistischen Welle schwimmen: Der 26-Jährige Postbote Olivier Besancenot von der Revolutionären Kommunistischen Liga (Ligue Communiste Revolutionnaire), der gegen die Genmanipulation von Pflanzen und für eine Legalisierung des Haschisch-Konsums kämpft, und der Geschichtslehrer Daniel Gluckstein. Beide punkten ebenfalls im linken Lager und haben mit "Arlette" im Bunde Lionel Jospin so verschreckt, dass er mitten im Wahlkampf sein Programm mit sozialpolitischen Slogans aufmöbelte.

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