Politik : Schiffbruch überlebt

Von Peter von Becker

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Auch der Gutwilligste und Veränderungsbereite kann das Wort „Reform“ in Deutschland, wenn es von Amts wegen daherkommt, kaum noch hören. Den jüngsten Anstoß gibt eine angekündigte Gesundheitsreform, die anstelle eines zu kostspieligen Systems nur noch das System seiner Finanzierung verändern will. Das ist exemplarisch und regt sogar manchen Nichtexperten in der Sommerhitze auf, weil es ihn Geld kosten kann. Dagegen kostet die Sprache vergleichsweise wenig, allerhöchstens den Verstand. Also scheint das heutige Inkrafttreten der sogenannten Rechtschreibreform gerade noch einen zweisilbigen Seufzer wert zu sein. Basta. – Basta?

Die Reformmüdigkeit hat in diesem Fall durchaus mit der Sache selbst zu tun. Denn kein Vorhaben der aktuellen Politik war so überflüssig und wurde derart dilettantisch betrieben wie der 1996 im Auftrag der Kultusminister begonnene Versuch, die deutsche Rechtschreibung in den Schulen und in der Lebenswirklichkeit dirigistisch zu verändern. Auf Geheiß von kultusministeriellen „Amtschefkommissionen“ und ihnen zuarbeitenden linguistischen Bürokraten entwickelte sich dann bis zur Jahrhundertwende ein „Regelwerk“, das Schriftsteller und Journalisten, Kulturinstitutionen, Pädagogen und literarische Verlage nicht als sinnfällige Vereinfachung der Rechtschreibung erkannten. Sondern als selbstreferenzielles Wahn- und Wirrsystem, das gegenüber Ausdrucksreichtum und gedanklicher Differenzierung immer wieder unnötige und bisweilen groteske Barrieren aufbaute.

Nach der öffentlichen Kritik hat die Konferenz der Kultusminister vor zwei Jahren die Notbremse gezogen und aus Kritikern und teilweise reumütigen „Reformern“ einen „Rat für deutsche Rechtschreibung“ gebildet, dessen Empfehlungen ab heute – mit allerhand Spielraum für Varianten – an den deutschen Schulen verbindlich sein sollen. Es ist, auch wenn in den Rückzugsgefechten der Ex-Reformer oder in den noch weiterhin korrekturwilligen Vorbehalten der Reformgegner von einem „work in progress“ gesprochen wird, das faktische Ende der einst ohne Not begonnenen Rechtschreibreform.

Was bleibt, ist nach kurzen Vokalen das „ss“ statt „ß“: die einzige unstrittige Vereinfachung, die keinen Einfluss hat auf Ausdruck und Sprachgedanken. Was auch bleibt, ist etwa die neudeutsche Schreibweise von „gräulich“ in Anlehnung an das Grauen. Früher konnte zwischen „greulich“ (= grauenvoll) und dem Farbadjektiv „gräulich“ unterschieden werden. Das soll jetzt in den Schulen als Fehler gelten: eines von vielen scheinbar winzigen Beispielen für gewollte Verengung. Werden wir aber gehindert, das uns Sagbare zu schreiben, dann steckt der Sprachteufel im unsäglichen Detail.

Neue Popularität wird wohl jetzt der neue Duden gewinnen. Die kürzlich erschienene 24. Auflage des Wörterbuchs und Rechtschreibführers druckt meist Unstrittiges schwarz, Reformistisches rot und im Falle von Alternativen Empfehlungen gelb. Auch das Schwarzrotgelbe ist hier nicht immer das Ei des Kolumbus. Aber man ist doch dankbar für gelbe Skifahrer (obwohl es noch schwarze „Schi“ gibt) und für die wiedergewonnene Differenzierung zwischen „Leid tun“ und „leidtun“; dass ein „nichts sagender“ Sprecher im Gegensatz zu irgendeinem „nichtssagenden“ Menschen etwas Verschiedenes bedeutet, wird allerdings unterschlagen, wenn beide Schreibweisen als rot-gelbe Variante scheinbar gleichberechtigt auftauchen. Auch müssen wir weiterhin nicht verstehen, warum das altgriechische „ph“ mal als „ f“ gilt (Fotograf, Pornografie), solange uns Fysik, Filosofie und ein Zappelfilipp erspart bleiben.

Das alles ist kein Beinbruch. Zumal es den Kopf betrifft. Die Restreform ähnelt eher einem Schiffbruch mit geretteten Passagieren. Schüler und Eltern und Ältere werden ihn überleben, wenn wir zusammen mit großzügigen Lehrern darauf bestehen, dass die Rechtschreibung der Sprache dient, nicht umgekehrt. Und richtig zu denken, zu sprechen und zu schreiben, ist Teil des Lebens. Also ein offener Prozess und veränderbar. Der Rest bleibt Jandl: Lechts- und Rinksschreibung kann man nur allzu reicht verwechsern.

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