Politik : Schiiten-Miliz nimmt sechs Monate Auszeit

Keine Angriffe auf Armee und US-Militär – Muktada al Sadr will „Kriminelle“ aus Bewegung ausschließen

Andrea Nüsse[Kairo]

Nach drei Tagen heftiger Kämpfe in der Stadt Kerbala hat der Geistliche Muktada al Sadr offenbar seine Konsequenzen aus dem wachsenden Unmut über die innerschiitischen Auseinandersetzungen gezogen: Seine mächtige Miliz, die Mahdi-Armee, stellt ihre Kämpfe gegen die Besatzungstruppen und anderen Gruppen für sechs Monate ein, um sich zu reorganisieren. Dies teilte der einflussreiche Geistliche am Mittwoch in einer Erklärung mit. Die überraschende Entscheidung soll dazu dienen, „sich auf die Prinzipien, auf denen die Bewegung beruht, zu besinnen“, hieß es weiter. Ein Sprecher erklärte, dass die Miliz nicht aufgelöst, sondern kriminelle Elemente entfernt werden sollten. Allgemein wurde die Mahdi- Armee für die Kämpfe mit Sicherheitskräften während eines schiitischen Pilgerfestes in Kerbela verantwortlich gemacht, bei denen 52 Menschen starben.

Analysten werten die Entscheidung als eine clevere Taktik, um sich für die Zeit nach dem absehbaren Abzug britischer und eventuell amerikanischer Truppen zu rüsten. Die Ereignisse in Kerbela, das einen der heiligsten schiitischen Schreine beherbergt, waren schädlich für die Bewegung, deren Kontrolle al Sadr zurückgewinnen wolle. Der Sprössling einer anerkannten Theologenfamilie hatte 2003 die Mahdi-Armee ins Leben gerufen, die gegen die amerikanischen Besatzungstruppen kämpft und sich zu einer der stärksten bewaffneten Gruppen entwickelte. Ihr gehören etwa 60 000 Schiiten an, zumeist aus den ärmeren Schichten. Ihr wird vorgeworfen, seit dem offenen Ausbruch des konfessionellen Konfliktes für die Ermordung zahlreicher Sunniten verantwortlich zu sein. Bis zum Februar 2006 hatten die schiitischen Milizen stillgehalten, obwohl sunnitische Gruppen und Al-Qaida- Anhänger brutale Anschläge auf Schiiten und ihre Heiligtümer verübten. In jüngster Zeit soll die Bewegung im Kampf um die Kontrolle schiitischer Städte im Süden des Landes verstärkt gegen schiitische Mitglieder des mächtigen SIIC vorgegangen sein. Sie steht im Verdacht, im August zwei Gouverneure, die der rivalisierenden Organisation angehörten, durch Bomben getötet zu haben. Der mächtige, aber unberechenbare Muktada al Sadr hatte zunächst die Ernennung Nuri al Malikis zum Ministerpräsidenten unterstützt. Im April rief er seine sechs Anhänger, die in der Regierung saßen, ab – angeblich aus Protest gegen die Weigerung der Regierung, einen Zeitplan zum Abzug der ausländischen Truppen aufzustellen.

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