Politik : Schlägertrupps vertreiben Bauern in China

Harald Maass

Peking - Die Schläger kommen mit Stahlrohren und Hacken, um die Bauern von ihrem Land zu vertreiben. Wahllos prügeln sie auf die unbewaffneten Männer ein. Ein Bauer fällt zu Boden, wird von den Angreifern mit Stangen traktiert. Kurz darauf ereignet sich eine helle Explosion, wie ein Gewehrschuss. Panisch rennen die Bauern um ihr Leben. Die Bilder stammen aus einem Video, das am Samstag im Dorf Schengyou in der chinesischen Provinz Hebei aufgenommen und einem Reporter der „Washington Post“ zugespielt wurde. Chinesischen Staatsmedien zufolge starben mindestens sechs Bauern und einer der Schläger bei der gewaltsamen Auseinandersetzung. 48 Bauern wurden verletzt, acht von ihnen schwer.

Auslöser der Gewalttat war ein Streit um Landrechte. 2003 hatte die staatliche Energiefirma Hebei Guohua beschlossen, auf dem Land der Bauern, etwa 220 Kilometer südwestlich von Peking, eine Anlage für Kohleschlacke zu bauen. Die Firma konnte sich jedoch mit den Bauern, die mittlerweile in Zelten auf dem Land campierten, nicht auf eine Entschädigung einigen. Jemand beschloss, die Bauern mit Gewalt unter Druck zu setzen: Am 20. April attackierten 20 Jugendliche, die offenbar von der Energiefirma oder der Lokalregierung angeheuert wurden, das Zeltlager der Bauern. Die Bauern konnten sich wehren und einen der Angreifer festhalten. Umgerechnet zehn Euro habe er für die Attacke auf das Lager erhalten, gestand dieser, ohne allerdings seine Auftraggeber zu nennen.

Dass Großunternehmen zu Selbstjustiz greifen, ist in China nicht ungewöhnlich. Für die meist staatlichen Firmen ist es einfacher, ihre Widersacher wegzuprügeln als sich auf einen langwierigen Rechtsstreit einzulassen. Die lokalen Regierungen, die eigentlich für Recht sorgen sollen, stecken mit den Unternehmen oft unter einer Decke oder sind deren Besitzer. Der Fall in Schengyou hätte in China keine Aufmerksamkeit erregt, wenn die Schläger nicht so außergewöhnlich brutal vorgegangen wären und die Bauern die Gewalttat nicht auf Video festgehalten hätten. Pekings Führer bemühen sich nun um Schadenbegrenzung: Der Bürgermeister und der örtliche Parteisekretär wurden entlassen. Die Behörden boten den Familien der Getöteten Entschädigungen an. 50000 Yuan pro Toten – umgerechnet 5000 Euro. Am Donnerstag demonstrierten mehrere hundert Bauern am Stadtrand von Peking, weil auf ihren Feldern das Olympiastadion für 2008 gebaut werden soll.

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