Politik : Schlappe für Deutschland

Von Robert Ide

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Können wir denn gar nichts mehr? Das Steuersystem unreformierbar, die LkwMaut uneinführbar, der Grand Prix ungewinnbar, und nun gehen auch noch die Olympischen Spiele an Deutschland vorbei. Schon in der Vorrunde für die Spiele 2012 ist Leipzig gescheitert – eine Blamage für die Stadt. Und das ganze Land.

Die können es nicht mehr. Das ist das Urteil des Internationalen Olympischen Komitees über das Land, das sich im Spiegel gern als Organisations-Weltmeister sieht. Der weltweite Blick auf uns ist ein anderer: nicht konkurrenzfähig. Die Niederlage geht über den Sport weit hinaus. Als Berlin vor neun Jahren an Olympia scheiterte, war schnell klar, dass die Kandidatur ein politischer Irrtum war. Die Metropole im Umbruch hatte andere Sorgen. Diesmal aber kann niemand der Verantwortlichen aus Sport und Politik behaupten, er habe aus Unachtsamkeit einen kleinen Fehler gemacht. Leipzigs Scheitern war vorbereitet – es steht am Ende vieler Fehlentscheidungen in Sport, Politik und Wirtschaft.

In der nationalen Vorauswahl hatte Hamburg das beste Konzept. Spiele am Wasser und auf engem Raum – das war weltstädtisch und bescheiden. Doch das NOK, das Nationale Olympische Komitee, war nicht in der Lage, die chancenreichste Stadt zu nominieren. Um einen Wettbewerb zu inszenieren und in möglichst vielen Regionen Geld für den Sport locker zu machen, sah der Sportverband bei der Prüfung der Kandidaten nicht genau hin. Dass Leipzig zu wenig Hotelbetten hatte, fiel erst später auf. Gestern betonte das IOC ja auch noch einmal, dass Leipzig einfach zu klein sei. Hinzu kamen föderale Egoismen. Düsseldorf und Hamburg griffen sich so lange an, bis sie sich den Sieg nicht mehr gönnten. Der neue NOK-Chef Klaus Steinbach konnte dem nicht Einhalt gebieten. Er hatte nicht die Kraft, das international beste Konzept intern durchzusetzen. Der organisierte Sport hatte versagt.

Stattdessen wurde Leipzig Deutschlands Kandidat – mit einer Präsentation voller Gefühl und einem Oberbürgermeister, der bis zur Erschöpfung für die Heldenstadt von 1989 kämpfte. Wolfgang Tiefensee, der mit dem Wendebonus und dem Friedenslied „Dona nobis pacem“ viele Investitionen nach Leipzig geholt hatte, meinte nun, seine Stadt mit dem Cello in der Hand zur Weltmetropole machen zu können. Doch während er internationale Sportkongresse bereiste, ging es in seinem Rathaus drunter und drüber. Als Stasi-Skandale und undurchsichtige Finanzgeschäfte publik wurden, griff der Bürgermeister nicht energisch ein. Provinzialität regierte: Sport und Politik rangen um die Vormacht im olympischen Aufsichtsrat, das CDU-regierte Land Sachsen und die SPD-dominierte Stadt Leipzig verstrickten sich im Vorwahlkampf. Olympia war nur noch ein politisches Mittel im Wettbewerb der Eitelkeiten. In professionelle Hände wollte die Bewerbung niemand geben, denn das hätte eigene Machtansprüche beschädigt. Das war das Versagen der Politik.

Deutschland hat Leipzig nicht gewollt, so wird der Osten fühlen. Die Hoffnungen der Menschen sind lange missbraucht worden – auch von der Bundespolitik, die das größte Sportspektakel der Welt lange als Aufbau-Ost-Projekt behandelte. Erst auf dem Höhepunkt der Krise griff Innenminister Schily ein, dann mit viel Energie. Er setzte einen unabhängigen Sanierer aus der Wirtschaft an die Spitze. Doch da hatte sich der Westen längst von Leipzig abgewandt. Olympia als nationale Aufgabe – diese Botschaft kam spät an, vor allem in der Wirtschaft. International war es zu spät.

Leipzig ist gescheitert. Das ist ein bitterer Rückschlag für die Stadt, die schon mehr geschafft hat als viele andere in Ostdeutschland. Langfristiger wirkt die Niederlage aber auf den deutschen Sport, dem ein neuer Anlauf für die Spiele 2016 schwer fallen dürfte – erst recht, wenn das favorisierte Paris tatsächlich den Zuschlag für 2012 erhält und dann Europa ein paar Jahre aussetzen muss. Olympia wird wohl noch eine Weile ohne uns Organisations-Weltmeister auskommen.

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