Schlecker-Frauen : Erziehen statt Kassieren

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen will gekündigte Kassiererinnen zu Erzieherinnen umschulen lassen. Kann das funktionieren?

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Ausverkauf. Die Schlecker-Filialen schließen. Doch was geschieht mit den Mitarbeiterinnen?
Ausverkauf. Die Schlecker-Filialen schließen. Doch was geschieht mit den Mitarbeiterinnen?Foto: dapd

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen will entlassene Schlecker-Verkäuferinnen als Erzieherinnen und Altenpflegerinnen einsetzen und dementsprechend umschulen lassen. Während Kritiker dieses Vorhaben „absurd“ finden, hat die CDU-Politikerin nun ihren Plan verteidigt. Es habe sie „geärgert“, dass „die Nase gerümpft“ worden sei über die „gestandenen Frauen“ bei Schlecker.

Was schlägt die Ministerin konkret vor?
Von der Leyen würde gerne einen Teil der vielen Schlecker-Mitarbeiterinnen, die ihren Job verlieren, umschulen. Schon heute werden in Deutschland rund 2600 Personen zu Erziehern aus- und weitergebildet. Finanziert werden diese Programme über die Bundesagentur für Arbeit (BA). Die Zahl dieser Plätze soll nun aufgestockt werden. Im Arbeitsministerium geht man davon aus, dass in den Fachschulen maximal 2000 bis 3000 zusätzlicher Plätze geschaffen werden könnten. Gerade in strukturschwachen Regionen könne eine solche Umschulung ein Angebot für die Betroffenen sein, argumentiert von der Leyen. Im Einzelhandel seien die Chancen schlecht, einen Arbeitsplatz zu finden, während der Beruf der Erzieherin Zukunft habe.

In vielen Kommunen, vor allem in Westdeutschland, suchen Eltern nach einem Betreuungsplatz für ihre Kleinkinder, ab August 2013 gibt es sogar einen Rechtsanspruch für die Unter-Dreijährigen. Die Kommunen klagen aber schon jetzt, dass es nicht genügend qualifiziertes Personal gibt. Die Umschulungen würden zwar nicht dazu beitragen, dass schon im kommenden Herbst die absehbare Lücke von mindestens 130 000 bei den Erzieherinnen geschlossen wird. Aber auf Dauer könnte der Engpass zumindest ein bisschen geringer ausfallen. Ähnlich sieht es im Bereich der Altenpflege aus: Pflegedienste und Heime suchen händeringend nach Fachkräften. Im Mai 2012 verzeichneten die Arbeitsagenturen mehr als 10 000 offene Stellen. Und mit Blick auf die alternde Bevölkerung sagen alle Experten auch hier einen steigenden Bedarf an Personal voraus.

Welchen Widerspruch gibt es?

Kritiker befürchten, dass dadurch die Standards bei der Kindererziehung gesenkt werden. So argumentiert etwa der Verband Bildung und Erziehung (VBE), es sei gegenüber Eltern und Kindern nicht zu vertreten, dass hochqualifiziertes Personal durch „Quereinsteiger“ ersetzt werden solle, die im Schnelldurchlauf fit gemacht werden sollten. Auch der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) sagte, von der Leyen suggeriere, dass der Beruf der Erzieherin leicht erlernbar und von jedem ausführbar sei. Ihre Initiative sei deshalb beschämend.

Die Arbeitsministerin kontert, es würden „keinerlei Abstriche“ bei der Qualität gemacht. So dauern die Umschulungen in der Regel bis zu drei Jahre. Sie werden außerdem von den Fachschulen durchgeführt, an denen auch Erzieherinnen ausgebildet werden – nur, dass die Kosten in dem Fall die Arbeitsagentur trägt und nicht das jeweilige Bundesland. Hinzu kommt: Die Schlecker-Frauen werden gerade gekündigt, sie sind nicht durch jahrelange Arbeitslosigkeit schwer vermittelbar geworden. Sie verlieren außerdem nicht ihren Job, weil sie nicht ausreichend qualifiziert waren, sondern weil die Eigentümer zu lange auf ein nicht mehr tragfähiges Geschäftsmodell gesetzt haben.

Ähnliche Aufregung hatte die damalige Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) im Jahr 2008 provoziert, als sie anregte, Hartz-IV-Empfänger als Pflegehelfer zu beschäftigen, die mit Demenzkranken basteln, spazieren gehen oder sie füttern sollten. Aber auch FDP-Chef Philipp Rösler schlug Ende 2010 in seiner Zeit als Gesundheitsminister vor, die vielen arbeitslosen Altenpflegehelfer zu Fachkräften weiterzubilden.

In welcher Situation sind die ehemaligen Schlecker-Angestellten?
Die insgesamt 25 000 Schlecker-Mitarbeiter, die schon gekündigt sind oder bald entlassen werden, sind in erster Linie Frauen. Von den rund 11 200 aus der ersten Entlassungswelle im April sind zwei Drittel zwischen 25 und 50 Jahre alt. 65 Prozent der gekündigten Mitarbeiter haben eine abgeschlossene Berufsausbildung, mehr als 60 Prozent haben Vollzeit gearbeitet. Sie verteilen sich über das gesamte Bundesgebiet, am stärksten sind jedoch Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen betroffen. Zwar ist es ein Vorteil, dass sich die entlassenen Mitarbeiter nicht auf eine bestimmte Region konzentrieren. Doch Anton Schlecker hatte einen Großteil seiner Filialen in kleinen Orten eröffnet, in denen es – zumindest im Handel – wenige alternative Arbeitgeber gibt. Verdi zufolge gibt es zwar im Einzelhandel bundesweit rund 25 000 offene Stellen, ihnen stehen aber 360 000 Arbeitssuchende gegenüber. Der Vermittlungserfolg ist bisher überschaubar. Nach Daten der Bundesagentur für Arbeit haben rund 2300 Schlecker-Frauen einen neuen Job gefunden, knapp 2700 werden weiterqualifiziert. Da den Entlassungen bei Schlecker eine Sozialauswahl zugrunde lag, dürften es die rund 13 000 Frauen, die nun ab Ende Juni ihre Arbeit verlieren, womöglich noch schwerer haben, einen neuen Job zu finden.

Wie wurde bisher versucht, fehlende Fachkräfte zu finden?

Der Blick in die Arbeitslosenstatistik zeigt: Im Mai 2012 gab es laut BA mehr als 11 000 arbeitslose Erzieherinnen, die rund 7300 offenen Stellen gegenüber standen. Rein theoretisch müsste es also möglich sein, die Stellen zu besetzen. Das Problem ist allerdings, dass nicht alle Erzieherinnen dort wohnen, wo es gerade Bedarf gibt. So sind wegen der sinkenden Kinderzahlen im Osten Frauen arbeitslos geworden, während im Westen Personal gesucht wird. Auch über gesundheitliche Einschränkungen oder das Alter der Betroffenen sagt die offizielle Statistik nichts aus.

Deshalb versucht die Politik, auch über Umschulungen geeignetes Personal zu finden. Derzeit befinden sich laut Bundesagentur für Arbeit in ganz Deutschland etwa 131 600 Menschen in Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung.

Bei der Suche nach Erzieherinnen und Altenpflegern darf eins auch nicht vergessen werden: Die Gehälter sind in Deutschland nicht gerade üppig. So verdient eine Erzieherin zwischen 1900 und etwa 3000 Euro brutto, wenn sich ihre Bezahlung nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes richtet – in privaten Einrichtungen kann die Bezahlung auch darunter liegen. Trotz aller Appelle, den Beruf aufzuwerten, hat sich daran bislang nichts geändert. In den USA und Skandinavien hingegen gehört die Kinderbetreuung zu den stärker akademisierten Berufen – was sich natürlich auch auf das Gehalt auswirkt.

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