Schleyer-Entführung : Empörte Reaktionen auf RAF-Rechtfertigung

Der ehemalige RAF-Terrorist Rolf Clemens Wagner hat die Entführung von Hanns Martin Schleyer gerechtfertigt. Die Reaktionen darauf wirken wie eine Zeitreise in die ideologisch verhärtete Zeit der Siebziger.

BerlinDer bayerische Ministerpräsidenten Günther Beckstein (CSU) sagte der "Bild"-Zeitung, die "menschenverachtenden Äußerungen" Wagners zeigten, "dass auch 30 Jahre nach der beispiellosen Mord- und Terrorserie in Deutschland RAF-Terroristen ihrer Ideologie nicht abgeschworen haben... Wagner ist der Gnade, die ihm der damalige Bundespräsident Johannes Rau 2003 erwiesen hat, unwürdig."

Beckstein warnte zugleich vor weiteren Begnadigungen von inhaftierten RAF-Mitgliedern: "Terroristen, denen die Einsicht in die Abscheulichkeit ihrer Taten fehlt, haben keine Gnade verdient." Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) sagte der "Bild"-Zeitung: "Es ist ungeheuerlich, dass ... einige der Täter immer noch nicht einsehen, welch schrecklichen Irrweg sie gegangen sind und als Mörder unendliches Leid in viele Familien getragen haben."

Umstrittene Rechtfertigung

Der mehrfach verurteilte ehemalige RAF-Terrorist Wagner hatte die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer von 1977 als richtig bezeichnet. "Manche Ergebnisse unserer Überlegungen bleiben aus heutiger Sicht richtig, wie die Entscheidung, Hanns Martin Schleyer zu entführen. Der wurde mit seiner SS-Geschichte als Wehrwirtschaftsführer in besetzten Gebieten und seiner aktuellen Funktion als Aussperrer und Präsident des Unternehmerverbands ja nicht zufällig ausgesucht", sagte Wagner der "Jungen Welt".

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sagte: "Noch heute löst die Tat Bestürzung, Unverständnis und Trauer aus." Schleyer sei ein vehementer Verfechter des Prinzips "Freiheit in Verantwortung" gewesen. Für ihn habe zur wirtschaftlichen Freiheit zwingend soziale Verantwortung des Unternehmers gehört. "Er war eben nicht der Verfechter eines schranken- und zügellosen Kapitalismus, zu dem ihn seine Mörder stempeln wollten." Hanns Martin Schleyer sei "Opfer eines blinden Fanatismus" geworden. "Das Jahr 1977 war der traurige Höhepunkt von Staatsterroristen und ihrer verbrecherischen Taten."

"Gnade nur mit wirklicher Reue"

Der stellvertretende FDP-Vorsitzende Rainer Brüderle sagte in der "Bild"-Zeitung zu den Äußerungen des Ex-Terroristen: "Das ist ein Faustschlag ins Gesicht der Opferfamilien. Herr Wagner hat damit seine Begnadigung selbst als Fehlentscheidung offenbart." Der Vorsitzende der hessischen CDU-Landtagsfraktion, Christean Wagner, sagte, die "gefühllosen" Äußerungen des Ex-Terroristen Wagner machten deutlich: "Gnade nur mit wirklicher Reue."

Rolf Clemens Wagner wurde im Dezember 2003 nach 24 Jahren Haft und im Alter von 59 Jahren aus der Haft entlassen. Der damalige Bundespräsident Johannes Rau hatte ihn begnadigt. Wagner war 1985 zu zweimal lebenslänglicher Haftstrafe verurteilt worden, unter anderem wegen der Entführung und Ermordung Schleyers. (mit dpa/ddp)

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